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Artikel

Trauer und Depression – ungleiche Schwestern
Erstveröffentlichung in MedReport 30, 30. Jahrgang 2006
Kinder und Jugendliche als Trauernde nach einem Suizid
Auszug aus "Warum hast du uns das angetan" Ein Begleitbuch für Trauernde, wenn sich jemand das Leben genommen hat. Überarbeitete Neuauflage 2006, Güterlsoher Verlagshaus
Fortbildung vor Ort - ein besonderes Fortbildungskonzept
Von Chris Paul: Zuerst erschienen in Die Hospiz-Zeitschrift, 6.Jahrgang 2004, Ausgabe 22
Chris Paul: Schuld Denken und Schuld Fühlen
Vortrag auf dem 5. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, Aachen, 2004
Trauer differenziert betrachtet
Chris Paul: Zuerst abgedruckt in Die Hospiz-Zeitschrift, 7.Jahrgang 2005, Ausgabe 26
Trauerprozesse definieren - Vom Dogma zur Kultur
Die letzten 20 Jahre
Persepktivenerweiterung - Die Würde der Angehörigen am Sterbebett
Chris Paul: Vortrag auf der Sitzung des Deutschen Ethikrats 2003
Jeder Tod ist anders, jede Trauer auch
Zuerst abgedruckt in Lachesis, Fachzeitschrift des Berufsverbandes für Heilpraktikerinnen, Nr. 28, 11/2001
Jeder Tod ist anders, jede Trauer auch
Zuerst abgedruckt in Lachesis, Fachzeitschrift des Berufsverbandes für Heilpraktikerinnen, Nr. 28, 11/2001
Einleitung
Der alte feministische Kernsatz "Das Private ist Politisch" gilt für die Erfahrung des Trauerns ganz besonders. Der Tod eines vertrauten Menschen ist eine Lebenssituation, die in unserer Gesellschaft so privat und isoliert wie nur möglich abgehandelt wird. Alle Trauernden, denen ich in den letzten Jahren in meiner Arbeit als Trauerbegleiterin oder im Privatraum begegnet bin, waren sich in einem Punkt einig: Trauer ist etwas, was jede/r mit sich allein abmachen muß. So haben wir das in unseren Familien gelernt, im Fernsehen und Kino und in Büchern gesehen und gelesen, und auch die moderne Trauerbegleitung konzentriert sich auf den individuellen Trauerprozeß. Trauer, so meinen wir zu wissen, sei das, was sich im Kopf und vor allem im Herzen einer/eines Einzelnen abspielt. Dabei reduzieren wir Trauerprozesse nicht nur auf das Individuum sondern auch noch auf bestimmte Bereiche der individuellen Existenz - die Gefühle und den Verstand. Meist sogar nur auf die Gefühle. Trauer als Abarbeiten von Gefühlen im stillen Kämmerlein - was könnte privater sein" Und was könnte daran politisch sein"
Politisch ist das, was die Gemeinschaft angeht, die Familie, den
FreundInnenkreis, die Firma, die Nachbarschaft, im weitesten Sinne den eigenen Kulturkreis. Was hat meine individuelle Trauer mit all dem zu tun" Diese Frage läßt sich in zwei Aspekte aufteilen - wie wird meine Trauer durch Einflüsse von außen, durch das Einwirken anderer beeinflußt" Und wie wirke ich mit meinem Trauern auf das außen, auf andere ein" Und welche Wechselwirkung entsteht zwischen meiner Außenwelt, meiner
Innnenwelt, meiner Außenwelt, meiner Innenwelt usw., wenn ein Mensch, zu dem ich eine wichtige Bindung hatte, gestorben ist"
Meiner Erfahrung nach spielen die äußeren Umstände des Todes und die äußeren Bedingungen des eigenen Weiterlebens eine wichtige Rolle dabei, wie ein Trauerprozeß abläuft. Sie bestimmen sogar, was eigentlich betrauert wird und wann es betrauert werden kann. Für mich gibt es keine "pathologische Trauer", wie sie in der Fachliteratur bis heute abgestempelt wird. Es gibt erschwerende Umstände und es gibt Todesfälle, die so grausam, unzeitig und erschütternd sind, daß sie für lange Zeit aus dem Bewußtsein der Weiterlebenden verdrängt werden müssen, wenn das eigene Leben nicht in Gefahr geraten soll. Es gibt auch eine Vielzahl von Toden und Lebensumständen, unter denen wir mit Tod in Berührung kommen, mit denen wir uns bald einverstanden erklären können, die auszuhalten sind und als normal empfunden werden, die unser Leben nicht vollständig durcheinander bringen und keine weitergehenden Anforderungen an die Neuorganisation unseres Alltags oder unserer Überzeugungen stellen. Diese Verluste können im Rahmen des "Privaten" verkraftet werden, oft finden sie einen selbstverständlichen Weg ins "Politische", wenn Familien und Freundeskreise gemeinsame Erinnerungen pflegen können, wenn es möglich ist, zusammen zu weinen und zu lachen und zu schimpfen.
Im folgenden will ich mich auf Umstände konzentrieren, die diesen relativ leichten und selbstverständlichen Umgang mit Tod und Trauer erschweren. Ich habe bestimmte Aspekte herausgegriffen - die Todesart, die Begleitumstände eines Todes, die eigenen Lebenssituation zum Zeitpunkt des Sterbens einer/eines anderen, eingenommene und zugewiesenen Rollen, den Aspekt der Zeit und der Sinnfindung.
Diese Aufzählung ist sicher nicht vollständig, sie soll Anregungen geben, jedem einzigartigen Sterbe- und Trauerprozeß nachzuspüren und seine Besonderheiten wahrzunehmen.
Todesarten
plötzlicher Tod oder langsames Sterben
Beispiel:
Petras jüngere Schwester Anja erkrankte kurz nach ihrem dreißigsten Geburtstag an Krebs. Sie starb zwei Jahre später zuhause, ihre Familie und ihre engsten Freundinnen waren bei ihr, wie während ihrer gesamten Krankheit. Anja wurde zwei Tage lang zuhause aufgebahrt, Petra schlief eine Nacht bei ihr im Zimmer und hatte soviel Zeit, wie sie wollte, um sich von ihrer Schwester zu verabschieden.
Petra hatte sich einige Monate Sonderurlaub genommen, um ihr Schwester zu begleiten. Als Anja schließlich starb, war Petra sehr erschöpft aber auch erleichtert. Ihr Leben hatte sich im letzten Jahr fast ausschließlich auf ihre Schwester konzentriert, sie hatte keine Zeit und auch keine Lust mehr gehabt, sich mit FreundInnen zu treffen, die nichts mit ihrer Schwester zu tun hatten. Dadurch hatte sich ihr Leben schon während der Krankheit und im Sterbeprozeß ihrer Schwester stark verändert. Nach Anjas Tod verlor sie bald den engen Zusammenhalt mit FreundInnen und Familienmitgliedern, die sich mit ihr zusammen um Anja gekümmert hatten. Zu den Kontakten aus der Zeit vor Anjas Tod fand sie auch keinen Zugang mehr. Zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit mußte sie sich völlig neu orientieren.
Petras Geschichte zeigt, daß langsame Sterbeprozesse Chancen bieten und gleichzeitig Schwierigkeiten bereit halten:
Eine langsame Gewöhnung an die Tatsache, daß ein geliebter Mensch sterben wird, ist möglich. Dazu gehört eine innere und äußere Vorbereitung, die Möglichkeit sich auszusprechen und Abschied zu nehmen. Dazu gehört auch die Möglichkeit, den Sterbeprozeß zu begleiten und durch das Sehen, Hören, Riechen, Fühlen der Veränderungen zu verstehen, was Sterben ist, und sich einem Verständnis dessen anzunähern, was Tod sein mag. Sterben und Tod werden so sinnlich erlebbar und können von unserer Psyche als "wirklich" verarbeitet werden.
Ich spreche absichtlich von Chancen und Möglichkeiten, denn es gibt viele Faktoren, die eine Verwirklichung dieser Möglichkeiten verhindern können. Wenn Austausch, Aussprache und Begleitung im Sterben nicht möglich waren, kann das zu Schuldbewußtsein führen. Es ist eine der möglichen Schwierigkeiten nach einem langsamen Sterben, dass im Nachinein die Gründe für solches Nicht-Miteinander-Sprechen, Nicht-Begleiten aus dem Blick geraten und ein Ideal konstruiert wird, dem kaum jemand entsprechen kann. Auch in erwarteten Sterbeprozessen gibt es Gewalt und Schrecken, nicht jedem Menschen ist es vergönnt, schmerzfrei und versöhnt mit sich selbst zu sterben. Hinterbliebene haben dann große Probleme mit ihrer Ohnmacht, die sich nicht nur auf das Sterben selbst, sondern auf lange Perioden eines Leidens beziehen, das sie mit all ihrer Liebe und ihrem Bemühen nicht lindern, nicht einmal teilen konnten. Im Trauerprozeß muß dann nicht nur der eigentliche Tod eines Menschen verarbeitet werden, sondern auch das stückweise Nachlassen der Lebenskraft und Selbstbestimmung zuvor.
Die Konzentration auf den kranken/sterbenden Menschen kann begleitende Angehörige von ihrer sonstigen Welt trennen, ihr Leben ändert sich bereits lange vor dem Tod einschneidend, es ändert sich mit dem Tod erneut und dann im fortschreitenden Trauerprozess wieder und wieder. Das kann eine enorme Überforderung darstellen, hilfreich ist es, sich bewußt zu machen, wie umfassend die Veränderungsprozesse und die Anforderungen an sich selbst sind. Viele Trauernde nehmen es als Chance wahr, ihr bisheriges Leben zu überprüfen und Änderungen, die sie schon längere Zeit herbeisehnen, zu verwirklichen.
Andere Probleme und Chancen ergeben sich für Trauernde nach einem plötzlichen Tod. Dazu gehören gewaltsame Todesarten durch Unfälle, Suizid, Verbrechen, aber auch Krankheiten wie Herzinfarkt oder plötzlicher Kindstod:
Beispiel:
Die Partnerin von Sabine brach an einem Wintertag bei der Rückkehr von einem Einkaufsbummel im Flur der gemeinsamen Wohnung zusammen. Sie starb innerhalb weniger Minuten an einer Gehirnblutung. Nichts hatte auf ihren Tod hingedeutet, es gab keine Möglichkeit, noch einmal mit ihr zu sprechen, sie nach ihren letzten Wünschen zu fragen oder sich auf ihren Tod vorzubereiten.
Sabines Welt brach von einem Augenblick zum nächsten zusammen. Die langjährige Partnerschaft, das Zusammenleben im gemeinsamen Haus, die Reisen, die sie seit vielen Jahren zusammen unternahmen, und sogar ihre Rolle als Paar im großen geteilten Freundinnenkreis waren ohne Vorwarnung und Vorbereitungszeit unmöglich geworden. Wie bei den meisten plötzlichen Todesarten mußte Sabine in dieser erschütternden Situation auch noch erleben, wie polizeiliche Ermittlungen eingeleitet wurden, um ein Verbrechen auszuschließen. Dazu gehört, daß der tote Körper beschlagnahmt und in die Gerichtsmedizin transportiert wird. Sabine konnte ihre Partnerin vorher einige Minuten lang sehen, durfte sie aber nicht berühren. Erst dreieinhalb Tage später wurde Ingrids Leiche freigegeben und konnte im Bestattungsinstitut aufgebahrt werden. In der Zwischenzeit hatten weder Sabine, noch ihre Eltern und FreundInnen die Erlaubnis, Ingrids toten Körper zu sehen.
Sabine erfuhr viel Unterstützung von den gemeinsamen
FreundInnen, die genauso von der Todesnachricht überrascht wurden wie sie. Da Sabine und Ingrid auch in einem Institut zusammen gearbeitet hatten, konnte Sabine ihre Erfahrung von Verlust und Veränderung mit den MitarbeiterInnen des Instituts ebenso wie mit dem großen FreundInnenkreis teilen. Das starke Gefühl von Verbundenheit ließ jedoch nach einigen Monaten nach, da sich für keine soviel verändert hatte, wie für Sabine. Während Freundinnen und MitarbeiterInnen ihr gewohntes Leben wieder aufnahmen, wurde Sabine jeden Tag bewußter, wieviel sie verloren hatte.
Sabines Geschichte zeigt Chancen und Schwierigkeiten eines plötzlichen Todes:
Der Aspekt des langen Leidens entfällt bei plötzlichen Toden meist, der Tod selbst kommt schnell und vermuteterweise schmerzlos, was für die Trauernden eine Erleichterung darstellt. Gleichzeitig kommt der Tod so schnell, dass weder ein Vorbereitung, noch eine Begleitung möglich sind. Tod und Leben werden als Zustände ohne Übergang erlebt, ein sinnliches Begreifen des Sterbeprozesses ist unmöglich. Ein sinnliches Begreifen des Totseins wird durch die Ermittlungsarbeit der Polizei meist verhindert. Dadurch behalten plötzliche Tode oft lange einen Status der "Unwirklichkeit".
Todesarten, die mit Gewalteinwirkung verbunden sind, regen in Verbindung mit der mangelnden sinnlichen Erfahrbarkeit des Sterbens und Todes, fürchterliche Phantasiebilder an, von denen Trauernde sich verfolgt fühlen und die sie zur Verzweiflung treiben können.
Fragen nach dem "Warum" und die Suche nach Schuldigen stehen nach plötzlichen Todesarten stärker im Vordergrund als nach einem erwarteten Sterben. Es ist, als würde rückwirkend eine Zeit des Übergangs konstruiert, in der der plötzliche Tod angekündigt wurde durch Träume, Vorzeichen oder Ankündigungen. So hilfreich eine solche rückwirkende Übergangskonstruktion für das Verarbeiten eines plötzlichen Todes sein kann, so erschwerend können die Begleitumstände sein, wenn die Hinterbliebenen sich Vorwürfe machen, daß sie die Zeichen nicht gesehen und den Tod nicht verhindert haben. Trauernde werten dann im Rückblick ihr gesamtes Leben um, wenn sie aus einem als glücklich und stimmig erlebten Alltag eine Existenz voller warnender Vorzeichen machen. Das ist extrem nach Selbsttötungen, wenn in der Erinnerung teilweise Jahrzehnte zurückliegende Ereignisse oder Gespräche als eindeutiger Warnhinweis auf den Suizid verstanden werden. Trauerprozesse können dann nur schwer Gang kommen, weil Schuldbewußtsein und der verzweifelte Wunsch, in der Vergangenheit etwas anders gemacht zu haben, alle Energie binden.
Hilfreich ist es, sich das Recht auf das eigene Weiterleben zuzugestehen und sich als Trauernde/r konsequent selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Die eigenen Gefühle/Bedürfnisse und vor allem die eigene Wahrnehmung sowohl der Vergangenheit wie der Gegenwart brauchen jede Menge Bestätigung und Unterstützung. Die Arbeit an Phantasiebildern, die voller Schrecken und Gewalt sind, kann grosse Erleichterung schaffen, wenn das tatsächliche Wissen von dem nur Erdachten getrennt wird und in einem zweiten Schritt positive und heilende Phantasiebilder geschaffen werden könne. Mit solchen Vorstellungen kann das innere Bedürfnis nach bildhaftem Begreifen des Sterbens befriedigt werden und auch ein plötzlicher Tod kann als wirklich angenommen werden.
Begleitumstände
Gestaltungsfreiräume oder totale Ohnmacht
Der Tod eines vertrauten, geliebten Menschen ist immer ein Erlebnis tiefster Ohnmacht, weil etwas geschieht, daß wir nicht wollen. All unser Lieben, Arbeiten, Wissen und Sorgen kann diesen Menschen nicht am Leben erhalten. All unser Vorsorgen, unsere Achtsamkeit mit uns selbst und anderen kann uns nicht vor dem einschneidenden Verlust und dem damit verbundenen schrecklichen Schmerz, den Ängsten und der Verwirrung bewahren. Die Begegnung mit dem Sterben kann diese Ohnmacht noch vertiefen und zu einem Lebensthema machen. Oder sie kann inmitten der erlebten Machtlosigkeit Handlungsspielräume zur eigenen Gestaltung bereithalten und damit einen wichtigen Lernprozess ermöglichen.
Die oben beschriebenen Beispiele zeigen zwei Extreme, wie Angehörige einen Sterbeprozess erleben können. Petra hatte die Möglichkeit, sehr viel Einfluss auf ihre Begegnung mit dem Sterben ihrer Schwester zu nehmen. Sie erlebte sich als aktiv und handlungsfähig und gestaltete auch ihren weiteren Trauerprozeß in dem
Bewußtsein, etwas tun zu können. So trennte sie sich von ihrem Partner, begann eine neue Berufsausbildung und zog in eine andere Stadt – alles Dinge, die sie schon länger gewünscht hatte, zu denen ihr aber der Mut gefehlt hatte.
Sabine dagegen wurde von den Geschehnissen überwältigt. Sie war nicht nur dem unerwarteten Sterben ihrer Partnerin ausgeliefert, sondern sofort darauf den bürokratischen Abwicklungen einer polizeilichen Ermittlung nach einem nicht-natürlichen Todesfall. Sie war immer eine aktive, ihr Leben selbst bestimmende Frau gewesen und diese Erfahrung verstörte sie außerordentlich. In den darauf folgenden Jahren fühlte sie sich oft machtlos und nicht in der Lage, ihre Interessen zu vertreten. Andere taten ihr etwas Gutes oder verletzten sie, ihre eigenen Handlungsmöglichkeiten beschränkten sich zunehmend auf das Verweigern und Zurückweisen anderer Menschen. Damit war sie sehr unzufrieden. Solche Veränderungen werden in der Regel nicht als „Trauerprozeß“ verstanden, meiner Erfahrung nach gehören sie aber zu den Langzeitwirkung von Trauerprozessen, die durch äußere Umstände erschwert oder in das Bewußtsein von Passivität und Schuld gelenkt werden. In diesen Fällen gehört es zum Trauern, die eigene Handlungsfähigkeit im vollen Umfang zurückzugewinnen und zu lernen, innerhalb der eigenen weiteren Lebensgeschichte mit dem Tod und der eigenen Trauer offensiv umzugehen, auch wenn das zunächst durch äußere Umstände verhindert wurde.
Eigene Lebenssituation
"aus heiterem Himmel" oder "auch das noch"
Beispiel:
Dörthe hatte nach der Ausbildung ihren langjährigen Freund geheiratet, die Partnerschaft war glücklich, sie hatten gemeinsame Hobbys, einen großen Freundeskreis, im Job lief es bei beiden gut, und sie freuten sich sehr auf die Geburt ihres ersten Kindes. Ihre Tochter kam jedoch mit einem schweren Herzfehler zur Welt und starb nach einigen Wochen. Es war das erste Mal, daß Dörthe mit dem Sterben und mit einem schrecklichen Verlust konfrontiert wurde. Es fiel ihr besonders schwer, daß sie unter ihren FreundInnen plötzlich eine tragische Sonderolle einnahm und niemand mehr nachvollziehen konnte, was in ihr vorging. Auch die vorher problemlose Beziehung zu ihrem Mann wurde durch die ganz unterschiedlichen Trauerverläufe der beiden schwer belastet.
Auch wenn unsere Sterblichkeit eigentlich das einzige ist, worauf wir uns fest verlassen können, empfinden wir das Sterben anderer Menschen meist als Unterbrechung und Einbruch in das normale Leben. Je näher ein Mensch uns war, desto größer sind die Umwälzungen, die sein/ihr Tod in unserem Alltag und Weiteleben auslöst. Das Beispiel zeigt eine Situation, in der dieser Einbruch wie aus heiterem Himmel geschieht, das Leben schien sicher und zuverlässig, nichts deutete auf eine bevorstehende Katastrophe hin. Solche Situationen haben den Vorteil, dass es viele innere Ressourcen gibt und meist auch ein intaktes soziales Umfeld, das Unterstützung gewähren kann. Gleichzeitig gibt es aus solchen scheinbar sicheren Lebenssituationen heraus oft keinen Erfahrungshintergrund, wie (und ob überhaupt) ein Schicksalsschlag durchlebt werden kann. Die Selbstwahrnehmung und Identifikation als normal, erfolgreich, glücklich, alles bewältigend wird durch eine Krise, wie der Tod eines nahen Menschen sie meist auslöst, in Frage gestellt. Der FreundInnen- und Familienkreis, der sich häufig über gemeinsame Unternehmungen, Spass und zielgerichtete Aufbauaktivitäten (Partnerschaft/Familie gründen, Haus bauen, Karriere machen) definiert, gerät aus dem Gleichgewicht, wenn ein Mitglied plötzlich mit ganz anderen Gefühlen und Themen beschäftigt ist. Die für Trauernde bestehende Notwendigkeit, sich mit Sterblichkeit zu befassen, Abschied zu nehmen, sich neue Lebensperspektiven zu schaffen, großen Schmerz auszuhalten und viele andere Gefühle zu durchleben schafft eine Distanz zu anderen Menschen, die manchmal unüberwindbar ist. Dann kann es zu weiteren Verlusten kommen, weil Freundschaften zerbrechen, Familien nicht miteinander sprechen können, PartnerInnen als unfähig und enttäuschend erlebt werden (auch wenn beide betroffen sind, z. B. beim Tod eines gemeinsamen Kindes). Der Trauerprozess umfaßt dann eine vollständig neue Sicht auf sich selbst, auf die engsten Bezugspersonen, und die Entwicklung neuer Werte und innerer Glaubenssätze. Das kann zu einer schmerzhaften Ablösung von alten Beziehungen führen, aber auch zu einer als bereichernd erlebten Neuorientierung. So ein umfassender Prozess ist verständlicherweise nicht in wenigen Wochen, auch nicht in einem Jahr zu durchleben. Viele Trauerprozesse haben den Charakter einer Lebensaufgabe, was unseren Vorstellungen von Trauer als "eine Weile ziemlich viel weinen" zuwider läuft.
Beispiel:
Christa war lange krank gewesen, hatte dadurch ihre Arbeit verloren und auch ihre Beziehung war zerbrochen. Endlich hatte sie einen neuen Job gefunden, und wieder Lebensmut gefaßt, als sie erfuhr, daß ihre beste Freundin bei einem Unfall ums Leben gekommen war. Sie fühlte sich völlig überfordert und vom Schicksal gestraft, als sei sie ein ewiger Pechvogel. Sie nahm es ihrer Freundin übel, daß sie nun auch noch ihren Tod verkraften mußte, wo sie sie als Gesprächspartnerin und Helferin in ihrer neuen Situation so dringend gebraucht hätte. Gleichzeitig fühlte Christa sich schuldig und schlecht, weil sie so mit sich selbst beschäftigt war und auf ihre tote Freundin nur wütend war.
Dieses Beispiel zeigt eine ganz andere Situation, in der der Tod eines nahen Menschen eine weitere von bereits vorangegangenen Krisen darstellt. Im Beispiel sind das eigene Krankheit, Trennung und Arbeitslosigkeit. Es gibt aber auch Lebenszeiten, die an sich, ohne äußere Einflüsse den Charakter einer Krise haben, einfach weil sie ein permanenter Veränderungsprozess sind. Das sind vor allem die Pubertät und das frühe Erwachsenenalter. Für diese Lebenszeiten kommt jeder Verlust als ein "auch das noch"-Ereignis, ganz besonders der Tod eines Geschwisterkindes oder Elternteils, aber auch von guten FreundInnen oder wichtigen Bezugspersonen wie LehrerInnen. Gleichzeitig werden junge Menschen meist als Trauernde nicht ernstgenommen werden, ihre Bindungen an Geschwister und FreundInnen gelten als nicht eng genug, um ernsthafte Trauer auszulösen, und es wird angenommen, daß sie zu jung seien, um überhaupt tiefe Gefühle zu haben.
Tode, die in einer Zeit eigener Veränderungen und Belastungen erlebt werden, müssen manchmal verdrängt werden, um das eigene Überleben zu sichern. Es ist ein schwieriger Balanceakt, den Trauerprozess nicht so weit wegzudrängen, dass er sich über körperliche Krankheiten oder psychische Störungen den nötigen Raum nimmt, und gleichzeitig ein Überwältigtwerden durch Ohnmacht, Angst und Schrecken zu verhindern. Klassische Trauertheorien, die ein sofortiges und rigoroses Durcharbeiten von Trauergefühlen fordern, werden diesen Lebenssituationen sicher nicht gerecht. Hier ist meiner Meinung eine sehr geduldige und respektvolle Unterstützung sinnvoller, die zunächst eine Stabilisierung ermöglicht und die "Erlaubnis" gibt, sich den Gefühlen und Bewußtseinsinhalten rund um den Tod so langsam und vorsichtig zu nähern, wie das nötig ist.
Rollen
Beispiel:
Erikas Großmutter starb nach einer längeren Krankheit, in der Erika sich als einzige aus der Familie viel um sie kümmerte. Nach ihrem Tod war es Erikas Aufgabe, den Hausstand der Großmutter aufzulösen, die Beerdigung organisierte jedoch ein jüngerer Bruder der Großmutter. Niemand nahm Erika als Trauernde wahr, sie war ja nur eine Enkelin. Daß sie tiefen Schmerz empfand, verstand sie selbst kaum. Erst nach einiger Zeit erinnerte sie sich daran, daß sie während einer Trennung ihrer Eltern fünf Jahre lang bei ihrer Großmutter gelebt hatte, die in ihrem Erleben für sie mehr eine Mutter gewesen war, als ihre leibliche Mutter.
Dieses Beispiel zeigt, dass wir Menschen nur dann intensive Trauerprozesse zugestehen, wenn sie in ganz bestimmten Beziehungen zu den verstorbenen gestanden haben. Der Verlust der Mutter oder Mutterfigur gilt als betrauerbar und sogar als "trauerpflichtig", der Verlust der Großmutter nicht. De facto sind der Verlust einer langjährigenPartnerin/eines langjährigen Partners oder des eigenen Kindes bei Erwachsenen, der Verlust eines Elternteils bei Kindern die einzigen Verluste, die von der Umwelt ernstgenommen werden. Selbst diese Tode sollen aber nach spätestens einem Jahr überwunden und verarbeitet sein. Geschwister, FreundInnen, ehemalige PartnerInnen, ArbeitskollegInnen, Großeltern werden zu keinem Zeitpunkt als Trauernde wahrgenommen, daher erhalten sie keine soziale Unterstützung (in Form von Kondolenzbesuchen, Trost, Fragen nach ihrem Befinden, Hilfsangeboten), werden nicht in Abschiedsrituale einbezogen und empfinden sich selbst häufig als krank und übertrieben, wenn sie trauern. Innere Bindungen richten sich aber nicht nach Verwandtschaftsgraden und Stammbucheintragungen, deshalb darf kein Trauerprozess abgewertet oder lächerlich gemacht werden.
Zeit
Beispiel:
Utes älterer Bruder nahm sich das Leben, als sie 17 war und er 24. Ute verachtete ihn dafür und nahm sich vor, nie ein Versager wie ihr Bruder zu werden. Mit 23 begann sie an Schlafstörungen und Angstzuständen zu leiden, sie fürchtete, sie werde sich in einem Anfall von Wahnsinn mit 24 das Leben nehmen, genau wie ihr Bruder. Erst als sie anfing, sich näher mit ihrem Bruder zu beschäftigen, schöpfte sie neuen Lebensmut. An die Stelle der Angst, die gleichzeitig Sehnsucht war, es genau wie er zu machen, genau wie er zu sein, traten völlig vergessene Erinnerungen an die gemeinsam verbrachte Kindheit und Jugend. Ute konnte die Ähnlichkeiten mit ihrem Bruder wahrnehmen und genauso die Unterschiede zwischen ihnen. In dem Ausmaß, wie ihr toter Bruder Konturen für sie gewann, bekam sie ein Gefühl für sich selbst und ihren eigenen Lebensweg. Alle Gefühle, die sie in den Jahren nach seinem Tod unterdrückt hatte, kamen zurück. Ute hatte keine leichte Zeit, aber sie fürchtete nicht mehr, sich das Leben zu nehmen. Sie feierte ihren 25. Geburtstag in dem Bewußtsein, noch ein langes Leben vor sich zu haben, in dem ihr Bruder immer einen Platz in ihrer Erinnerung und Liebe haben würde.
Messbare und real ablaufende Zeit spielt eine große Rolle in Trauerprozessen. Jahrestage des Todes, Geburtstage, Jahrestage von wichtigen gemeinsamen Erlebnissen, große Feiertage, Ferien, selbst der Wochentag, an dem der Tod eintrat, strukturieren den Trauerprozess. Sie rufen Erinnerungen wach und zwingen Trauernde, sich mit der Vergangenheit und dem Verlorenen auseinanderzusetzen.
Zeit ist ein Phänomen, dass einerseits linear vorwärtsgeht und uns von dem Moment, in dem ein Verlust eingetreten ist, entfernt, andererseits ist sie zirkulär und bringt uns in ihrem Fortschreiten immer wieder an Punkte zurück, von denen wir meinen, wir hätten sie längst hinter uns gelassen. Markante Jahrestage sind solche Punkte. Aber wie das oben genannte Beispiel von Ute zeigt, kann es noch komplizierter sein, wenn wir feste Punkte im eigenen Leben wie ein bestimmtes Alter oder ein bestimmtes Lebenereignis wie die Geburt eines Kindes, ein Karrieresprung, eine Hochzeit mit den Punkten im Leben bereits Verstorbener verbinden.
Geschwister haben oft das Gefühl, der Tod einer Schwester oder eines Bruders würde ihnen die Vergangenheit rauben, weil die Erinnerungen nun von niemandem mehr bestätigt und mit niemandem mehr geteilt werden können.
Eltern sprechen nach dem Tod eines Kindes oft davon, ihnen sei die Zukunft genommen.
Das Erleben von und Umgehen mit Zeit ist eine zentrale Aufgabe in Trauerprozessen. Zeit ist neben Raum die Dimension, in der unser irdisches, materielles Leben stattfindet. Die Toten teilen diese Dimension nicht mehr mit uns, sie sind aus unserem Zeiterleben ebenso verschwunden wie aus unserer räumlichen Wahrnehmung. Leben und vor allem Trauern ist ein permanenter Veränderungsprozess, der sich an einer unveränderlichen Tatsache festmacht jemand ist gestorben. Unser Auf und Ab der Gefühle, Hin und Her der Gedanken und Erinnerungen spielt sich in der fortlaufenden Zeit und in Abhängigkeit von ihr ab. Dabei kreist es um die Erfahrung von Endgültigkeit und Ewigkeit beides unveränderliche Existenzformen, die wir nicht wirklich begreifen, mit denen wir aber in Berührung kommen, wenn jemand stirbt, den wir geliebt haben. Es gehört zu den langfristigen Aufgaben im Trauerprozess eine Form von Integration dieser Widersprüche zu finden, die das eigene Leben nicht behindert, sondern eher so etwas wie Lebensweisheit darstellt.
Sinn
Der Tod eines vertrauten Menschen stellt unsere Weltsicht auf den Kopf. Der bei den meisten Menschen vorherrrschende Glaube daran, daß alles irgendwie immer weitergeht, wird erschüttert. Menschen sterben. Nicht nur unsere alten Großeltern, Eltern, Onkel und Tanten, sondern unsere Geschwister, Geliebten, FreundInnen, PartnerInnen. Beziehungen sind endlich, jede Bindung kann abrupt durch einen Tod beendet werden. Diese Einsicht ist beängstigend, deshalb sperren sich soviele "Noch-Nicht-Trauernde" dagegen. Das führt dazu, dass die meisten von uns unvorbereitet mit einem Tod konfrontiert werden, ohne uns vorher wirklich Gedanken darüber gemacht zu haben, wie das für uns sein könnte, wie wir weiterleben könnten, was wir dazu brauchten. Zu dem Schmerz, der Verwirrung und den Anforderungen der Außenwelt kommt die Aufgabe, das Geschehen einzuordnen.
Wieso passiert das ausgerechnet mir - Womit habe ich das verdient - Warum konnte ich das nicht verhindern - sind Fragen die Antworten suchen.
Wer bin ich, wenn ich einen geliebten Menschen nicht vor dem Sterben retten konnte"
Was bin ich ohne die Liebe dieses Menschen noch wert"
Was soll ich noch auf dieser Welt, wenn mir so etwas wichtiges (das wichtigste) genommen wurde"
Wozu soll ich mich auf andere Menschen einlassen, wenn die auch wieder sterben könnten"
Bin ich untreu und ungerecht gegen die Toten, wenn ich mich doch wieder auf andere einlasse"
Glaube ich an eine Wiederbegegung nach meinem eigenen Tod"
Wie bewerte ich Träume und das Bewußtsein von Anwesenheit der Toten"
Habe ich ein Recht auf ein Weiterleben" Womöglich sogar ein glückliches" Habe ich die Pflicht, weiterzuleben"
Muß ich so werden, wie die/der Tote, um sie/ihn auf diese Weise am Leben zu erhalten"
Welchen Stellenwert gebe ich diesem Tod und meiner Trauer in meinem Leben"
Wie gehe ich damit um, dass ich in den Augen meiner Umwelt nicht mehr "normal" bin"
Auch diese ganz privaten Sinnfragen werden stark von der "Politik" drumherum beeinflußt und wirken sich wiederum auf das Zusammenleben mit anderen aus. So ist es für viele Frauen heute noch eine zentrale Lebensaufgabe, für andere dazusein, sie gut zu versorgen, sie im weitesten Sinne am Leben zu erhalten. Wenn dann der/die PartnerIn oder das eigenen Kind stirbt, ist das ein existentielles Versagenserlebnis. Gleichzeitig definieren sich Frauen viel stärker als Männer über ihre Beziehungen und sehen sich als Teil ihrer Bindungen. Allein, ohne die Bindung empfinden sie sich oft als lebensunfähig und wollen auch gar keinen anderen Bezug zu sich und der Welt entwickeln. Wenn das doch geschieht, werden Trauerprozesse zu Emanzipationsprozessen, in denen Frauen lernen, sich selbst in den Mittelpunkt ihres Lebens zu stellen, ihre Bedürfnisse ernster zu nehmen als zuvor und auch mutiger Nein zu sagen zu Zumutungen und Verständnislosigkeiten, die andere ihnen in ihrem Trauerprozess entgegenbringen.
Schlußwort
Das individuelle Trauern ist eingebettet in äußere Umstände und von diesen nicht zu trennen. Wie wir einem Tod in unserem Leben begegnen, hängt auf vielerlei Weisen mit Bedingungen zusammen, die wir nicht oder nur mit viel Einsatz beeinflussen können. Was wir in welcher Form und über welchen Zeitraum betrauern und welche existentiellen Fragen der Tod eines nahen Menschen an uns stellt, ist mit privaten und mit politischen Faktoren eng verknüpft. Zu letzteren gehören Geschlechterrollen ebenso wie gesellschaftliche Rahmenbedingungen in Form von Gesetzgebungen und Vorschriften, aber auch gesamtgesellschaftliche Einstellungen zu Leben und Tod. Diese Einstellungen verändern sich zur Zeit, vor allem weil so viele Einzelne ihre private Trauer zu einem öffentlichen Thema gemacht haben. Es ist meine Hoffnung, dass wir in den nächsten Jahrzehnten immer mehr Verständnis und Akzeptanz gewinnen werden, sowohl für unser aller Sterblichkeit wie für die Folgen, die der Tod eines nahen Menschen für die Weiterlebenden haben kann.
oben
Persepktivenerweiterung - Die Würde der Angehörigen am Sterbebett
Chris Paul
Vortrag auf der Sitzung des Deutschen Ethikrats 2003
Den eigenen Tod den stirbt man nur
doch mit dem Tod der andren muß man leben. (Mascha Kalenko)
Ich möchte Sie zum Wechsel der Perspektive in der Betrachtung eines Sterbeprozesses einladen.
Die Einbeziehung Angehöriger ist längst Praxis in hospizlichen und palliativen Versorgungskonzepten hierbei werden Angehörige häufig als "Mitglieder eines multidisziplinären Teams" am Sterbebett bezeichnet. Dieser Begriff ist jedoch irreführend.
Angehöriger-Sein ist keine Profession, die in mehrjähriger Ausbildungszeit erlernt werden könnte. Wir sind Angehörige unserer Eltern, Partner, Kinder, Verwandten und auch Freunde durch Wahl und durch Zufall, das "Angehörig-Sein" eignen wir uns dabei in einem "Learning-by-Doing-Prozess" Schritt für Schritt an. Die so entstehenden Beziehungsgeflechte sind so fehlerhaft, von Missverständnissen, Irrtümern und Enttäuschungen geprägt, wie dies in allen menschlichen Beziehungen unausweichlich ist. Diese gewachsenen Beziehungen sind selten ideale Beziehungen in vollkommener Harmonie, absoluter Ehrlichkeit und stets ehrlich ausgetragenen Konflikten.
Auf dem Hintergrund dieser gewachsenen, nicht perfekten Beziehung begegnen Angehörige der Situation, mit einem Mal Angehörige eines Kranken und schließlich eines Sterbenden zu sein. Ehefrau eines sterbenden Ehepartners, Sohn oder Tochter einer sterbenden Mutter, Bruder einer sterbenden Schwester, Mutter oder Vater eines sterbenden Kindes. Auch in diesen sich oft schnell und unaufhaltsam verändernden Situationen gibt es keine Möglichkeit, sich zunächst zu einem Befähigungskurs anzumelden, um im Anschluß daran gestärkt, im Bewußtsein eigener Stärken und Schwächen, mit dem Rüstzeug einer regelmäßigen Supervision und ebensolcher Fortbildungen sich der Aufgabe einer Sterbebegleitung zu widmen.
Angehörige sind mehr und etwas anderes als „Mitglieder eines multiprofessionellen Teams“ oder „Mit-Arbeiter“ am Sterbebett. Angehörige sind Leidtragende und Leidende wie der Sterbende selbst. Aber anders als die übrigen Beteiligten haben Angehörige mit einer Leidperspektive weit über den Todeszeitpunkt hinaus zu leben. Der Sterbende stirbt, die helfenden Berufe und ehrenamtlichen Helfer gehen weiter zu einem anderen Sterbebett, die Angehörigen jedoch müssen mit diesem einen, ganz besonderen Tod weiterleben. Für sie ist alles, was am Sterbebett geschieht, Teil eines weiteren Prozesses, des Trauerprozesses. Und auch ein sogenanntes „gelungenes“ oder „gutes“ Sterben des Sterbenden schützt die Angehörigen nicht vor dem Verlustschmerz, den Anforderungen, ihr Leben neu zu organisieren und mit dem Fehlen des vertrauten, geliebten Menschen weiter zu leben.
Bereits im Sterbeprozess beginnt für Angehörige die Auseinandersetzung mit den Veränderungen, die ihr eigenes Leben durch die Erkrankung und das zu erwartende Sterben erfährt und erfahren wird. In diesem existentiellen Prozess müssen Angehörige ernstgenommen und unterstützt werden.
Monika Müller formuliert daher in den "(Menschen)Rechten Angehöriger" unter anderem:
- Ich habe das Recht, als eigenständige Person gesehen zu werden, nicht nur als Angehörige/r.
- Ich habe das Recht, auch im Mittelpunkt zu stehen.
- Ich habe das Recht, mich auf meine Weise dem Unausweichlichen zu nähern.
- Ich habe das Recht, unkooperativ zu sein, weil ich kein Kooperationspartner bin.
- Ich habe das Recht auf einfühlsame, kompentente Unterstützung von Menschen, die sich die Mühe machen, meine Bedürfnisse zu verstehen.
(Monika Müller, unveröffentlichtes Manuskript)
Die Würde der Angehörigen verlangt genau so viel Beachtung wie die Würde der Sterbenden. Auftretende Konflikte zwischen den Bedürfnissen der Sterbenden und ihren Angehörigen aber auch zwischen den Anforderungen der Pflegenden und den Prozessen der Angehörigen dürfen nicht automatisch durch Mißachtung oder Abwertung der Angehörigen gelöst werden.
Drei konkrete Forderungen leiten sich aus dieser Perspektivenerweiterung ab:
- In der hospizlichen und palliativen Betreuung Sterbender ist eine stärkere Beachtung der besonderen Bedürfnisse und Interessen Angehöriger nötig.
- In der gesamtgesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Tod und Sterben muss eine Erweiterung hin zur Auseinandersetzung mit Trauerprozessen erfolgen. Wir begegnen der menschlichen Endlichkeit nicht nur sterbend oder in Vorbereitung auf den eigenen Sterbeprozess, sondern massiv und wiederholt mitten im Leben durch die Sterblichkeit geliebter und vertrauter Menschen, die mit ihrem Sterben jeweils Träume, Lebensentwürfe und Hoffnungen der Weiterlebenden als endlich entlarven. Die inneren und äußeren Abschiede von sterbenden Menschen, aber auch von eigenen Lebensmöglichkeiten, die mit diesen Menschen verbunden waren, sind langwierig und schmerzhaft. Gleichzeitig bergen sie ein großes Potential menschlicher Reife, aus beiden Gründen brauchen sie mehr Akzeptanz und Aufmerksamkeit als bisher.
- Im Bereich gesetzlicher Rahmenbedingungen könnte sich diese Akzeptanz niederschlagen durch die Gewährung einer dreimonatigen Karenzzeit für Angehörige von Sterbenden, wie es in Österreich und Frankreich bereits gesetzlich verankert ist. Ausdrücklich soll diese Zeit als Recht für Angehörige eingeräumt werden, die für sie und ihr Weiterleben wichtigen Prozesse am Sterbebett naher Angehöriger miterleben zu können.
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Trauerprozesse definieren - Vom Dogma zur Kultur
Die letzten 20 Jahre
Der Blick auf Trauerprozesse hat sich merklich verändert in der vergangenen 20 Jahren. Als ich 1985 im Alter von 22 Jahren den Tod meiner Partnerin erlebte, gab es kein Selbsthilfebuch, kaum Trauergruppen und schon gar keine Internetforum zu Thema Trauer, denn das Internet war noch nicht erfunden! Damals begann jedoch – für mich noch nicht bemerkbar - ein Wandel im Umgang mit Sterbe- und Trauerprozessen. Die Hospizbewegung richtete den Blick auf Sterbeprozesse in Krankenhäusern und Altenheimen, das allzu oft abgeschoben in Abstellkammern oder Waschräumen stattfand, um die Weiterlebenden nicht zu beunruhigen und das Pflegepersonal nicht mit Aufgaben zu konfrontieren, denen sie sich nicht gewachsen fühlten. Der Gedanke eines bewußten und begleiteten Sterbens wurde für immer mehr Menschen wichtig, Hospizinitiativen setzten sich dafür ein. Gleichzeitig entstanden vereinzelt Projekte zur Trauerbegleitung, selbst Betroffene, TherapeutInnen und WissenschaftlerInnen wurden aktiv. Wie die Hospizbewegung profitierte auch die wesentlich kleinere Bewegung zur Begleitung und Erforschung von Trauerprozessen wesentlich von Impulsen, Büchern und persönlichen Anstößen aus dem englischsprachigen Raum, in dem „Death, Dying and Bereavement“ schon lange anerkannte Lehrfächer in verschiedensten Ausbildungsgängen sind, es gut geförderte Forschungsvorhaben dazu gibt, und die Veröffentlichungen zu diesen Themen im Selbsthilfe- wie im Wissenschaftssektor kaum noch überschaubar sind.
Trauernde als ExpertInnen in eigener Sache
Während in der englischsprachigen Literatur ein starker Fokus auf Wissenschaftlichkeit und Theoriebildung zu beobachten ist, hat das Trauern an deutschen Hochschulen und in deutschen Forschungsvorhaben noch keinen eindrucksvollen Platz gefunden, wir suchen vergeblich nach Lehraufträgen, Fachzeitschriften, wissenschaftlichen Kongressen zum Thema Trauer. Das ist einerseits bedauernswert, auf der anderen Seite hat es eine Stärkung der Selbsthilfe begünstigt, die in der Homepage von verwitwet.de eindrucksvoll sichtbar wird.
An die Stelle von ExpertInnen, die über Trauer und Trauernde sprechen, sind die Trauernden selbst getreten, als ExpertInnen in eigener Sache.
In den frühen Veröffentlichungen zu Trauerprozessen ist zu lesen, Menschen in Deutschland hätten das Trauern verlernt, wüßten mit diesem elementaren menschlichen Prozeß nichts mehr anzufangen, seien gefangen in ihren Ängsten vor tiefen Gefühlen und Lebenswahrheiten. Dies mag für einen Teil der Bevölkerung heute noch gelten. Doch daneben ist eine große Gruppe von Menschen getreten, die sich selbstbewußt mit ihren Verlusten auseinandersetzen und einfühlsam die Trauerprozesse anderer begleiten und unterstützen. Trauer ist nicht mehr das große Tabuthema, das es vor zwanzig Jahren war. Zugegeben, noch immer gibt es Menschen, die von NachbarInnen berichten müssen, die die Straßenseite wechseln aus lauter Angst, etwas falsches zu sagen. Es gibt auch immer wieder FreundInnen und Verwandte, die hilflos, gleichgültig oder abwehrend auf Menschen in Trauer reagieren. Auch Bestattungsunternehmen, PfarrerInnen, ÄrztInnen und Pflegepersonal gehen nicht immer so sensibel, geduldig und unterstützend mit Angehörigen um, wie dies sinnvoll wäre. Aber – viele tun es bereits.
Eine Community von Witwen und Witwern
Der gesellschaftliche Umgang mit einem Thema besteht stets aus verschiedenen, teilweise gegenläufigen Strömungen. Der Umgang mit Trauer in Deutschland zeigt uns nebeneinander traditionelle Formen des Trauerns, die in Dorfgemeinschaften noch lebendig und oft als sehr hilfreich erlebt werden. Daneben die Tabuisierung und Abwehr der Tatsache, dass Menschen sterben und dass das bei den Weiterlebenden heftige Gefühle, eine intensive gedankliche Auseinandersetzung und oft eine veränderte Art des Seins und der Lebensführung auslöst. Aber auch eine zunehmende Bewußtheit für das, was nach dem Verlust eines vertrauten Menschen geschieht – für einzelne, für Familien und Gruppen. Exemplarisch haben sich junge verwitwete Menschen als „Community“ definiert. Das Tabu, das Trauernde zu Außenseitern machen kann, wird hier abgelöst durch die Bildung einer selbstbewußten Gemeinschaft, in der Geben und Nehmen oft ein und dasselbe sind. Eines der häufigsten Worte, das ich auf der Homepage gelesen habe, war das Wort „Danke“. „Danke, dass du diese Frage gestellt hast, du hast mir aus der Seele gesprochen.“ „Danke, dass du es gewagt hast, dieses heikle Thema auszudrücken“ „Danke für deine Anwort und deine Erfahrungen“ „Danke, dass es dich/euch gibt“.
Die hier ausgedrückte Solidarität hat für mich beim Lesen nichts sektenhaft in sich geschlossenes gehabt. Stets bleibt ein intensiver Bezug zu anderen Menschen jenseits des Internet-Kontakts spürbar, zu den eigenen Kindern, FreundInnen, Verwandten, potentiellen neuen PartnerInnen.
Viele Wege Trauernde zu begleiten
Junge Menschen nutzen das Medium Internet – ältere Verwitwete haben diese Möglichkeit oft nicht. Kontakt und Austausch mit anderen Betroffenen in einer ganz ähnlichen Situation sind eine von vielen Möglichkeiten, Trauernde zu unterstützen und hilfreich zu begleiten. Vielen Menschen ist das, was sie mit ihren FreundInnen und Verwandten teilen können, genug. Andere suchen das „Expertentum“ anderer Betroffener, das kann in geleiteten Trauergruppen, in offenen Selbsthilfegruppen oder in Chats und Foren des Internets geschehen, wieder andere profitieren von einer ehrenamtlichen Begleitung oder einer stärker therapeutisch ausgerichteten Trauerbegleitung am meisten.
In vielerlei Hinsicht ist das Denken und Handeln zum Thema Trauer in einer Entwicklung zu beobachten weg vom Dogma eines einzig „richtigen“ Trauerns hin zu einer Kultur der vielfältigen Trauerwege und Trauerbegleitmöglichkeiten.
Was heißt Loslassen"
Diese Bewegung ist auch in den theoretischen Überlegungen zum Trauerprozess abzulesen.
Vor zwanzig Jahren gab es in Deutschland einzig Phasenmodelle des Trauerns zu lesen und zu lernen. Ausgehend von John Bowlby und Elisabeth Kübler-Ross wurden Trauerprozesse eingeteilt in vier oder fünf Phasen, die allesamt in der menschlichen Psyche verortet wurden. Trauerprozesse wurden betrachtet wie Krankheitsverläufe, oder positiver formuliert wie Gesundungsprozesse, die mit der Verleugnung eines Verlusts beginnen und über verschiedene Gefühle und Beschäftigungen mit dem verstorbenen Menschen zu einem neuen Verhältnis zu sich selbst und zur Welt allgemein führen, in der der verstorbene Mensch keine oder so gut wie keine Rolle mehr spielt.
Es gibt in der Beschäftigung mit Trauer einige Worte, die sehr zu falschen Assoziationen einladen – Trauerarbeit ist so eins. Im Lauf der „Trauerarbeit“ sollte eine möglichst gründliche Ablösung von der oder dem Toten stattfinden. Dies sollte vor allem geschehen durch das „Loslassen“, ein weiteres Wort mit einer mißverständlichen Bedeutungsgeschichte. Das berüchtigte Loslassen wurde und wird von vielen Trauernden als „Fallen lassen“ interpretiert, etwas das sie unmöglich tun können. Ebenso ist es für viele Trauernde nicht zumutbar, eine mehr oder weniger vollständige Ablösung ihrer Gefühle und Gedanken von den Toten (so forderte es Freud) zu erreichen. Ich zitiere an dieser Stelle aus dem Forum von verwitwet.de :
"Hallo Tati,
ich habe mal eine Frage an Dich: Wie kommst Du auf den Gedanken Deinen verstorbenen Mann "vergessen" zu sollen/müssen"
Mein Mann ist seit 5 Jahren nicht mehr bei mir und ich lebe seit 2,5 Jahren wieder mit meinem neuen Partner zusammen. Auch er hat seine Frau verloren und wir beide kämen niemals auch noch auf den Gedanken unsere Verstorbenen zu vergessen!!!"
J.W. Worden war der Theoretiker, der diesen Widerspruch vieler Angehöriger aufgegriffen hat bei der Neuformulierung seiner „Aufgaben des Trauerns“. In der ersten Fassung hatte er als vierte Aufgabe des Trauerns fomuliert „emotionale Energie abziehen und in eine andere Beziehungen investieren“. (Worden 1991, Übersetzung durch die Autorin) Der Widerspruch von trauernden Eltern brachte ihn dazu, diese Formulierung grundlegend zu verändern. Anstelle der mechanisch erscheinenden Vorstellung, neue Beziehungen seien nur möglich mit der Energie, die nach Aufgabe einer alten frei werde, setzt Worden nun die Formulierung „den Toten einen neuen Platz zuweisen“ (Worden 1991). Verstorbene müssen nicht aus der Erinnerung, dem täglichen Denken und Sprechen der Hinterbliebenen verschwinden, damit sie ein glückliches und den Lebenden zugewandtes Leben führen können. Sie dürfen und oftmals müssen einen Platz in den Köpfen, Herzen und auch in dem Alltag der sie liebenden Menschen behalten. Wichtig ist dabei, dass der Platz ein neuer Platz ist – die Bindung an einen lebenden Menschen ist naturgemäß eine andere als die an einen verstorbenen.
Dieser „neue Platz“ ist am einfachsten zu finden für Menschen, mit denen wir eine konfliktfreie, durchgehend positive Beziehung hatten, und die so gestorben sind, dass wir es als „guten Tod“ nach einem „erfüllten“ Leben bezeichnen und damit in innerem Frieden leben können. Für wie viele unserer Beziehungen gelten diese idealen Bedingungen"
Ein neuer Platz braucht vollständige Erinnerungen
Wenn ein Mensch vor dem Partner/der Partnerin stirbt, noch relativ jung ist und Kinder im Kinder- oder Jugendalter zurückläßt, kann das nie als Tod zu einem richtigen Zeitpunkt empfunden werden. Weder plötzliche Tode z.B. durch einen Unfall oder einen Gehirnschlag, noch das Sterben an einer mit Schmerzen und langem Leiden verbundenen Krankheit können einfach als „gutes Sterben“ empfunden werden. Die Erlebnisse mit diesen Toden und die Erinnerungen daran sind von Schrecken und innerem Zurückweichen gekennzeichnet, die Konfrontation mit einem solchen Tod ist oft so überwältigend, dass sie eigentlich nicht zu ertragen ist. Die Erinnerung an den gestorbenen Menschen kann nach einem solchen Tod vollkommen überlagert sein von den Erinnerungen an die Leidenszeit, den körperlichen Verfall, die Belastungen der Beziehung und der Familie durch den Krankheitsprozess – oder bei plötzlichen Todesursachen von dem Schock der unerwarteten Todesnachricht, dem fehlenden Abschied und dem unvorbereiteten Umsturz der eigenen Lebensumstände. Erinnerungen an den lebendigen Menschen, an die geteilte Liebe und Verbundenheit können hinter den Schrecknissen eines Sterbens verschwinden. Wenn dies geschieht, wird das Zuweisen eines „neuen Platz“ erschwert, denn dazu ist eine möglichst vollständige Erinnerung an den toten Menschen nötig.
Eine möglichst vollständige Erinnerung fällt uns oft auch schwer, wenn die Erinnerungen widersprüchlich sind, wenn ein Mensch uns Glück aber auch Enttäuschungen gebracht hat, wenn wir ihn geliebt und ersehnt haben, aber auch wütend auf ihn waren und unter manchen seiner Eigenschaften gelitten haben. All das ist sehr normal für Liebes- und Partnerschaftsbeziehungen. Auch für die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern. Menschen, die ihre Partnerin/ihren Partner verlieren und Kinder, Jugendliche, deren Vater oder Mutter früh sterben, sind angewiesen auf die Bereitschaft anderer, viel und oft über den toten Menschen zu sprechen. Die Maxime „über Tote spricht man nur Gutes“ verhindert oft ein ehrliches Erinnern und Nachdenken über den Menschen. Das führt dann dazu, dass gerade die verschwiegenen Eigenschaften der Toten und die dadurch ausgelösten Gefühle der Weiterlebenden ein hartnäckiges Schattendasein führen. Ein neuer Platz für die Verstorbenen braucht ein rundes und möglichst vollständiges Bild von ihm und von der Beziehung zu ihm oder ihr. Das kann von Familien viel Geduld und Toleranz erfordern, denn in jeder Beziehung zeigt ein Mensch sich von anderen Seiten. Ein neuer Platz für die positiven UND die negativen Seiten eines Menschen, seines Lebens UND seines Sterbens, der Beziehung zu ihm oder ihr UND des Abschieds von dem Zusammenleben in dieser Welt ist komplizierter als ein generelle Forderung nach „Loslassen“.
Anders werden
Trauernde sehen sich mit dem Paradoxon konfrontiert, dass sie mit einem Verlust, einem „Weniger als Vorher“ leben lernen müssen. Gleichzeitig mit diesem „Weniger“ kommt jedoch auch ein „Mehr als zuvor“ in ihr Leben. Sie müssen lernen, mit den Erinnerungen, mit fortbestehender Liebe, mit Träumen und Wahrnehmungen von den Verstorbenen zu leben. Dabei verändern sie sich. Ich erlaube mir noch einmal aus dem Forum von verwitwet.de zu zitieren:
"Liebe Uli,
nein, wir werden nicht wieder die sein, die wir mal waren. Der Tod des liebsten Menschen, des engsten Vertrauten hat uns verändert. Wir sind feinfühliger geworden, nehmen kaum mehr irgendetwas als selbstverständlich hin. Die Werte haben sich verschoben und wir haben gelernt (oder lernen noch) neue Wege zu gehen. Das ist in meinen Augen eine sehr positive Veränderung, die wir an uns selbst akzeptieren sollten. Wenn wir mit uns selber zufrieden sind, vermissen unsere Freunde auch nicht mehr "die alte" Freundin. So wie wir den Tod akzeptieren mußten, müssen wir unser neues, anderes Leben annehmen.
Herzlich,
Jacqueline"
Der Tod eines vertrauten Menschen verändert die eigene Sicht auf die Welt, er verändert aber auch die Sicht der Welt auf uns. Eine Witwe/ein Witwer wird anders angesehen und behandelt als ein Mensch in einer festen Partnerschaft. Alleinstehende, noch dazu verwitwete, lösen Mitleid aus und auch Angst, weil sie so deutlich vor Augen führen, wie unsicher das menschliche Leben ist. Ihr Kummer, ihre wirtschaftliche Notlage, ihre emotionale und ganz praktische Bedürftigkeit können andere provozieren und abschrecken oder zu unerwarteten Hilfeleistungen motivieren. Ein Trauerfall ist meist ein Test für Freundschaften und Familienbeziehungen. Worden formuliert daher als dritte Aufgabe des Trauerns „Veränderungen in der Umwelt wahrnehmen und gestalten“.
Was ist erlaubt beim Trauern"
Trauerprozesse sind nicht nur individualpsychologisch zu verstehen, sie haben ein große soziologische, also mit der Gemeinschaft und Gesellschaft verbundene Komponente. Dazu gehört auch, dass sie sich im Rahmen gesellschaftlicher Regeln und Normen bewegen. Vor 40 Jahren war ein Begräbnis ohne schwarze Trauerkleidung undenkbar, heute wird in manchen Traueranzeigen darum gebeten, auf schwarze Kleidung zu verzichten. Für Witwen und Witwer galt früher das „Trauerjahr“ als bindend – die Teilnahme an Feierlichkeiten, das Tragen bunter Kleidung und vor allem der Beginn einer neuen Partnerschaft war verpönt. Heute sehen sich jung Verwitwete zwischen dieser alten Regel und moderneren Forderungen, möglichst schnell „ins Leben zurückzukehren“, wieder fröhlich und „normal“ zu sein. Wer länger als ein Jahr ohne frische Verliebtheit bleibt, gilt schnell als rückwärtsgewandt, sogar „krank“, angeblich trauert er oder sie dann nicht richtig. Wer sich neu verliebt und bindet wird oft genauso schräg angesehen und es wird unterstellt, die alte Liebe sei nicht stark und ehrlich gewesen. Die community der jung Verwitweten wehrt sich gegen solche Zuschreibungen von außen und setzt sich aus der eigenen Betroffenheit heraus mit den Fragen nach der Vereinbarkeit von alter und neuer Liebe auseinander. Dazu noch ein Zitat:
"Alles im Leben hat seine Zeit, das ist einer unserer Sprüche die uns sehr gefallen. Wir hatten die Zeit mit unseren verstorbenen Partnern, waren sehr glücklich und und leben jetzt in der Gegenwart - in unserer Zeit - und sind auch wieder sehr glücklich und lieben uns. Vielleicht verwechselst Du das "Loslasssen" der Verstorbenen mit "Vergessen", das aber sind zwei ganz verschiedene Dinge.
Liebe Grüsse Alina"
Alles braucht seine Zeit
Alles im Leben hat seine Zeit und braucht seine Zeit. Trauerprozesse lassen sich nicht künstlich beschleunigen, ihr natürlicher Verlauf läßt sich aber unterstützen oder erschweren. das gilt für die ersten beiden der von Worden formulierten Traueraufgaben – „die Viefalt der Gefühle durchleben, den Trauerschmerz erfahren“ nennt er die zweite Aufgabe. Widersprüchliche Gefühle zwischen Liebe, Abwehr, Zorn und Sehsucht, Schuldgefühlen und Schuldzuschreibungen, Ohnmacht, Rachegelüsten, eigenen Todeswünschen, Dankbarkeit für das gemeinsam erlebte und Verzweiflung über alles, was nicht mehr zusammen gelebt kann gehören in jeden Trauerprozess wie Momente der Empfindungslosigkeit und Stumpfheit.
Nichts-fühlen und Nichts-Verstehen sind normale Teile des Trauerprozesses. Worden formuliert als erste Traueraufgabe „die Wirklichkeit des Verlustund des Todes begreifen“. Das kann durch dramatische oder leiderfüllte Todesumständen erschwert werden, ebenso durch mangelnde Informationen über den Sterbeprozess und die Todesumstände. Das Sterben und den Tod eines geliebten Menschen wollen von vielen Menschen im wörtlichen Sinn „begriffen“ werden, sie brauchen sinnliche Erfahrungen mit dem Tod, um ihn langfristig verstehen und betrauern zu können. Das gilt für Erwachsenen ebenso wie für Kinder. Das alle Sinne umfassende Verstehen eines Sterbens oder eines Todes wird von den meisten Menschen als äußerst hilfreich erlebt, solange es in einem würdevollen Rahmen und mit ihrer Einwilligung und zu ihren Bedingungen stattfindet. Insbesondere für Kinder und Jugendliche sollten nach dem Tod eines Elternteils Möglichkeiten des „Begreifens“ geschaffen werden, die einen Abschied am offenen Sarg, die intensive Beteiligung bei der Grabpflege, selbstverständliches Reden über den verstorbenen Elternteil und auch die Bereitstellung von Erinnerungsstücken wie Fotos (im Leben und im Tod) und Gegenständen der/des Toten umfassen.
Der Kreis der Traueraufgaben schließt sich hier – das Leben eines Menschen ist wie eine Geschichte, sie hat einen Anfang, einen langen Mittelteil und ein Ende. Nur wer die ganze Geschichte eines verstorbenen Menschen kennt, kann sie in ihrer Essenz zusammenfassen, tradieren und verstehen, was sie mit dem eigenen Leben zu tun hat, also dem verstorbenen Menschen einen angemessenen (neuen) Platz zuweisen.
Alle dies braucht Zeit, mehr Zeit als ein Abschnitt von 6 Wochen oder einem Jahr. Trauerprozesse können ohne uns zu belasten ein Leben lang dauern, wenn wir sie mit der vergehenden Zeit immer stärker in ihren positiven Anteilen von Dankbarkeit, liebevoller Erinnerung, Verinnerlichung des in der Beziehung Gelernten und Leben eines positiven Vermächtnisses erleben.
Ich hoffe, dass dieses Buch vielen Menschen Mut macht, die Angst vor Trauerprozessen abzubauen, sich in den dunklen Seiten ihrer Trauerwege nicht gänzlich allein zu finden und die helleren Seiten des Trauerns ebenfalls mit vielen anderen teilen zu können.
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Trauer differenziert betrachtet
Chris Paul
Zuerst abgedruckt in Die Hospiz-Zeitschrift, 7.Jahrgang 2005, Ausgabe 26
Die siebte internationale „Conference on Grief and Bereavement in Contemporary society“ fand vom 12.-15.07.05 London statt. Vierhundert Delegierte aus aller Welt diskutierten Praxis und Theorie der Trauerbegleitung.
Rückblick auf vierzig Jahre Geschichte
Trauer war nicht nur ein akademisches Thema auf dieser Konferenz, wenige Tage zuvor hatten Bombenattentate in Londoner U-Bahnen und Bussen Dutzende von Menschen getötet und Hunderte verletzt. Die vierhundert Delegierten aus aller Welt mussten immer wieder Umwege in Kauf nehmen. Veranstalter und Teilnehmende waren sich jedoch einig, dass die Bedeutung der Konferenz durch die Anschläge noch verstärkt worden war. Für die landesweiten Schweigeminuten in Gedenken an die Opfer der Anschläge wurden die laufenden Arbeitsgruppen der Konferenz unterbrochen.
Am fünften Konferenztag gab es wiederum Schweigeminuten, in der Nacht zuvor war die große alte Dame der englischen Hospizbewegung, Dame Cicely Saunders, hochbetagt in dem von ihr gegründeten St. Christophers Hospice gestorben. Friedlich und in freudiger Erwartung des Jenseits, an das sie fest glaubte. Ein Mann, der lange mit ihr gemeinsam am St. Christophers gearbeitet und geforscht hatte, war Gastgeber der Konferenz: Colin Murray Parkes, Vorsitzender der englandweiten Beratungsstellen für Trauernde „Cruse Bereavement Care“. Mit seinem an Weisheit grenzenden Erfahrungsschatz war er Impulsgeber und auch Integrationsfigur der Konferenz mit ihren vielen Themen und Schwerpunkten. Sein Einführungsvortrag bündelte die über 100 Plenarvorträge und Workshopsessions und gab einen Überblick über rund vierzig Jahre Trauerforschung. Dabei verortete er Trauerprozesse in einem Netzwerk unterschiedlicher wissenschaftlicher Richtungen und nannte als Kerndimensionen: Bindungsverhalten, Reaktion auf Verlust, persönliches Wachstum, Todesvorstellungen und Reaktion auf Belastungen bis hin zur Traumatisierung. Kulturelle Normen beeinflussen jede dieser Dimensionen, wobei er nicht nur die Normen verschiedener Länder und Religionen meinte, sondern auch die Unterschiede, die sich zwischen Geschlechtern und Altersstufen beobachten lassen. Eine Definition von Trauer als ein in allgemeingültigen Phasen ablaufendes Geschehen, wie sie in Deutschland noch häufig im Mittelpunkt der Betrachtung steht, stand sicherlich am Anfang eines besseren Verstehens von Trauer, wurde aber in Parkes Vortrag nicht einmal mehr explizit erwähnt.
Trauernde Kinder und Jugendliche
William Worden aus Kalifornien, bei uns bekannt durch sein Modell der vier Aufgaben im Trauerprozess, stellte Ergebnisse aus seiner umfangreichen Studie zum Verlust eines Elternteil in der Kindheit vor. Diese Langzeitstudie aus den neunziger Jahren untersuchte Kinder zwischen sechs und achtzehn Jahren über einen Zeitraum von mehreren Jahre nach dem Tod des Vaters oder der Mutter. Seine Ergebnisse zeigen, dass Schwierigkeiten wie Lernprobleme, Trennungsängste, Ängstlichkeit generell, Aggressivität oder Rückzug innerhalb der ersten zwei Jahre nach dem Tod merklich zurückgehen und teilweise unter den Werten der nicht trauernden Jugendlichen liegen, um dann aber verstärkt wieder aufzutreten. Von allen beobachteten Kindern und Jugendlichen zeigten Mädchen, deren Mutter starb, als sie zwischen 12 und 17 waren, die höchste und lang andauernste Belastung. Insgesamt wurde bei Jungen zu Beginn eines Trauerprozesses ein stärker verändertes Verhalten beobachtet, während bei Mädchen die Folgen eines Verlustes im Verlauf der Zeit zunahmen.
Unterstützend erleben trauernde Kinder und Jugendliche ein stabiles soziales Netzwerk insbesondere unter ihren Altergenossen, einen weitgehend unveränderten Alltag und die Möglichkeit, sich aktiv an Abschiednahme, Bestattung und allen weiteren Erinnerungsaktivitäten zu beteiligen. Die „fortgesetzte Bindung“ (Klass, 1996) zu dem verstorbenen Elternteil, die Kinder unter anderem durch Träume von den Verstorbenen, Gespräche mit ihnen, durch Erinnerungsgegenstände und die Identifikation mit bestimmten Eigenschaften oder Fähigkeiten der Verstorbenen aufrecht erhalten, erlebte Worden als stabilisierend und hilfreich.
Trauma und Trauer
Tragische und traumatische Todesursachen mit ihren Auswirkungen auf den Trauerprozess der Hinterbliebenen im Mittelpunkt vieler Veranstaltungen der viertägigen Fachkonferenz. Ein der Konferenz vorausgehender Tag widmete sich der Arbeit in den vom Tsunami betroffenen Gebieten. Viele Fachleute von Cruse Bereavement Care, der seit 1959 in ganz England vertretenen Organisation für Trauerbegleitung mit siebentausend ehrenamtlichen und über hundert hauptamtlichen MitarbeiterInnen, waren nach Indien und Sri Lanka eingeladen worden, um vor Ort ÄrztInnen und SozialarbeiterInnen zu schulen und Trauernde direkt zu betreuen. Die Begegnung mit religiösen Bräuchen und kulturellen Hintergründen, die ganz anders sind als die in Westeuropa, stellten nur eine der vielen Herausforderungen dar. Zwei Gründe machten eine Trauerbegleitung in Gruppen oder Einzelgesprächen, wie wir sie in Deutschland kennen, weitgehend überflüssig. Zum einen die vielfach gut funktionierenden sozialen Netzwerke in Großfamilien und Nachbarschaften, zum anderen die Dominanz der wirtschaftlichen Not. Einig waren sich die Referenten, dass die Bereitstellung von lebensnotwendigen Ressourcen und die Wiederherstellung eines geregelten Alltags die Grundlage jeder psychosozialen Betreuung sein muss.
Vorträge von Leila Gupta, David Trickey und anderen beschäftigten sich mit der Begleitung trauernder Kinder, die nicht nur ein einzelnes Familienmitglied verloren haben, sondern oft ihre gesamte Familie, ihre Heimat, ihre Sprache und Kultur und das alles unter grausamen und erniedrigenden Umständen. Leila Gupta berichtete von ihrer Arbeit in Flüchtlingscamps auf der ganzen Welt, wo sie traumatisierten trauernden Kindern die Möglichkeit gibt, ihre Erfahrungen auszusprechen und eine positive Zukunftsvision zu entwickeln. David Trickey aus London berichtete eindrucksvoll von der Arbeit mit Flüchtlingskindern aus Bürgerkriegsgebieten, die in London auf die Anerkennung ihres Flüchtlingsstatus warten und vielfach abgeschoben werden, bevor die Arbeit überhaupt beginnen konnte.
Bedeutung und Sinn
Robert Neimeyer aus Memphis, Vorsitzender der internationalen Arbeitsgruppe Sterben, Tod und Trauer, Herausgeber der Fachzeitschrift Death Studies, schilderte seinen Ansatz in der Arbeit mit Trauernden, bei dem es um die Neudefinition des Selbst und der Welt nach einem Verlust geht. Im Gegensatz zu anderen Formen, die die Bearbeitung von Gefühlen in den Vordergrund der Trauerbegleitung stellen, setzt Neimeyer bei den gedanklichen und symbolischen Konstruktionen an, die jeder Mensch von sich und seiner Welt entwickelt. Grundannahmen wie „die Welt an sich ist ein lebenswerter Ort“, „ich kann gut für mich und die Menschen, die ich liebe, sorgen“ könne durch den Tod eines nahen Menschen erschüttert werden. Für Neimeyer ist es die wichtigste Aufgabe im Trauerprozess, diese erschütterten Grundannahmen neu zu formulieren, so dass sie das erlebte Sterben akzeptieren und einbinden, ohne in ein das Weiterleben negierendes „die Welt ist ein grundsätzlich furchtbarer Ort an dem ich bin nutzlos und ohnmächtig bin“ zu verfallen. Dem eigenen Leben einen zusammenhängenden Sinn zu geben, der Verlust und Tod mit einschließt, ist vor allem für Menschen nach einem plötzlichen und gewaltsamen Tod schwierig. Mord, Suizid, Unfalltod stellen die Hinterbliebenen vor die schwierige Aufgabe, subjektiv einen positiven Sinnzusammenhang des als sinnlos erlebten Ereignisses mit dem Rest ihres Lebens herzustellen. Für Neimeyer geht es in der Trauerbegleitung darum Ereignisse, die die Identität der Hinterbliebenen in Frage stellen, in einen neuen Gesamtzusammenhang einzuordnen, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als lebbar und sinnvoll darstellt.
Ausblick
Diese wichtigste internationale Fachkonferenz für Trauerforschung und Trauerbegleitung findet in dreijährigem Turnus statt, zuerst 1985 Jahren in Australien, wohin sie in 2008 nach Tagungsorten wie Jerusalem, Washington und Stockholm zurückkehren wird. Englischsprachige Länder überwogen bei den vierhundert Delegierten in London, von den fernen Kontinenten Australien und Neuseeland waren mehr TrauerbegleiterInnen und TrauerforscherInnen angereist als vom europäischen Kontinent. Einzelne Delegierte aus Nowegen, Spanien, Belgien, Südafrika, Israel, den Philippinen, China und anderen Ländern trafen auf zahlreiche EngländerInnen und etliche AmerikanerInnen, Deutschland war immerhin mit drei Delegierten vertreten, neben mir nahmen zwei WissenschaftlerInnen von der Uni Aachen teil.
Zur nächsten Konferenz 2008 im australischen Melbourne reisen vielleicht mehr Deutsche an, um die vielfältigen Anregungen aus dem Kontakt mit KollegInnen aus anderen Ländern erleben zu können. Bis dahin ist es mir eine Freude, wenigstens zwei der exponierten Referenten der Londoner Konferenz nach Deutschland einzuladen, William Worden und David Trickey werden zur TID- Sommerakademie für Trauerbegleitung im September 2006 anreisen und ihre Arbeit vorstellen.
Infos über Cruse Bereavement Care unter www.cruse.org.uk
Kurzfassungen vieler Vorträge der Konferenz unter http://www.cruse.org.uk/intlconf/index.htm
Informationen zur Sommerakademie unter www.trauerinstitut.de
Literatur:
Klass, D., Silverman P., Nickman, S.(ed.): Continuing bonds, new understandings of grief, Taylor&Francis, Philadelphia 1996
Klass, D., Silverman P., Nickman, S.: Fortgesetzte Bindungen. In: Paul, C. (Hg.): Neue Wege in der Trauer- und Sterbebegleitung, Gütersloher Verlagshaus, 2001
Worden, J. W.: Beratung und Therapie in Trauerfällen, Huber 2003
Worden, J.W.: Grief Counselling and Grief Therapy, sec. ed., Routledge, London 1991
Neimeyer, R.A. (ed): Meaning Reconstruction and the Experience of Loss. American Psychological Association, London 2001
Neimeyer, R.A.: Lessons of Loss: A guide to coping. McGraw-Hill, New York 1998
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Chris Paul: Schuld Denken und Schuld Fühlen
Vortrag auf dem 5. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, Aachen, 2004
Meine Damen und Herren,
seit einigen Jahren beschäftige ich mit dem Thema „Schuld im Trauerprozess“. Im Folgenden möchte ich Ihnen einige der Grundzüge meiner Beobachtungen und Überlegungen zu diesem Thema vermitteln.
Ich werde das Thema Schuld hier nicht als abstraktes moralisches Prinzip abhandeln. Vielmehr geht es mir um Gefühle und Gedanken, denen wir fast täglich bei Sterbenden, bei ihren Angehörigen und auch bei vielen, die mit ihnen arbeiten und ihnen beistehen, begegnen. Zum Beispiel bei der Frau, die sich vorwirft, die Krebserkrankung ihres Mannes nicht früh genug erkannt, nicht entschlossen genug bekämpft zu haben und mit ihrer Liebe und Fürsorge kein Heilungswunder bewirkt zu haben. Oder bei dem Mann, der den Ärzten und Pflegenden die Schuld am Tod seiner Frau gibt. Oder die Sterbende, die sich nicht verzeihen kann, dass sie ihre Kinder und ihren Mann allein zurückläßt. Oder der Arzt, der sich die Schuld gibt an der Verzweiflung eines Elternpaares nach dem Tod ihres Kindes.
Einen Teil dieser Schuldgefühle und Schuldzuweisungen können wir durch vernünftiges Überlegen, Sortieren und Messen an der Realität entkräften, denn Schuld hat immer etwas damit zu tun, eine Regel zu verletzen oder ein Gesetz zu übertreten. Das können moralische oder juristische Regeln und Gesetze sein, geschriebene oder ungeschriebene. Für manche Schuldgefühle bei uns selbst oder anderen können wir schlüssig nachweisen, dass kein Regelverstoß vorliegt und damit keine Schuld.
Einen weiteren Teil erleben wir als momentane Schockreaktion, die mit dem abklingenden Schock an Bedeutung verliert. Einen Teil der geäußerten Vorwürfe und Selbstbezichtigungen müssen wir als echtes Schuldeingeständnis oder berechtigte Schuldzuweisung gelten lassen, der Umgang damit soll am Schluss meines Vortrags besprochen werden. Zunächst möchte ich mich dem Teil der Schuldgefühle und Schuldzuweisungen beschäftigenen, die in keine der vogenanten Kategorien passt. Es sind diejenigen, die langandauernd dem Verstand, dem vernünftigen Zureden, dem Rationalisieren und der Realitätsprüfung nicht zugänglich sind. Menschen in diesen Situationen fühlen sich gegen alle vernünftigen Argumente schuldig oder weisen Schuld zu. Unsere Reaktionen von „Aber Sie haben doch alles getan, was in Ihrer Macht stand“ „Sie konnten damals nicht anders“ „Wir haben das menschenmögliche getan“ „Es ist nicht unsere/ihre/irgendjemandes Schuld“ laufen ins Leere und scheinen eher noch zu verschlimmern, was sie lindern sollen – die heftig empfundene Schuld und das intensive Leiden an ihr. So stand diese Beobachtung am Anfang meiner Beschäftigung mit dem Thema Schuld im Trauerprozess:
- ein Teil der Menschen, die sich sehr stark schuldig fühlen oder sehr deutlich Schuld zuweisen, halten wider alle Vernunft daran fest, es scheint, als brauchten sie das Thema Schuld unbedingt und not-wendend. Verkürzt nannte ich dieses Prinzip:
(manche) MENSCHEN MÖCHTEN IHRE SCHULD BEHALTEN.
Schuldgefühle und Schuldgedanken haben für diese Menschen einen starken positiven Nutzen, sie erfüllen eine Funktion, die unabhängig ist von dem, was wir üblicherweise mit Schuldgefühlen verbinden. Diese Funktionen sind nicht erfassbar mit der Suche nach regelverstößen oder gesetzesübertritten. Schuldgedanken und -gefühle können offenbar ein Indikator für ganz andere Tatsachen und daraus resultierende Bedürfnisse sein.
Ich begann nach Tatsachen und Bedürfnissen zu suchen, die für Trauernde zu Schuldgedanken und – gefühlen führen können.
Schuld als Gefühl ist nach Thomas Hülshoff zu unterscheiden von anderen Gefühlen wie Angst, Aggression, Begehren, die durch ein zum größten Teil angeborenes Reiz-Reaktions-Schema ausgelöst werden und somit als emotionaler Reflex bezeichnet werden könnten. Schuld dagegen ist ein affektiv-kognitives Phänomen, die Entstehung eines Schuldgefühls oder einer Schuldzuweisung ist nur im Rahmen eines gedanklichen Konstrukts möglich. Wer sich oder andere schuldig fühlt, der denkt sich oder andere auch schuldig. Noch mehr -wer Schuld fühlt, hat sie vorher gedacht.
Schuld als Selbstbezichtigung oder als Zuweisung an andere - ist somit eine kognitive Konstruktion, die der erlebten Wirklichkeit übergestülpt wird. Sie setzt den Erwerb des Wissens um Regeln und Gesetze voraus. Sie braucht die kognitive Fähigkeit zwischen der Einhaltung und der Übertretung von Regeln zu unterscheiden. Sie braucht die Fähilgeit zur Internalisierung dieser Regeln, um in einer Gewissensinstanz unabhängig von äußeren Sanktionen für die Einhaltung der Regeln zu sorgen. Schuld ist eine vom Verstand eingeführte Metaebene, die Ereignisse und Gegebenheiten in der Realität klassifiziert bewertet und aus ihnen Handlungen ableitet. Schuldgefühle folgen erst danach als emotionale Re-Re-Aktion.
Wenn Schuld erst gedacht und erst danach gefühlt wird, lohnt es sich, die Aufmerksamkeit dem Anteil des Schuld-Denkens zu zu wenden, statt uns – wie sonst üblich – auf den Anteil des Schuld-Fühlens zu konzentzrieren. Um Schuld zu fühlen, ist es nötig, Schuld zu denken, Schuld ist ein Gefühl, das Denken voraussetzt. Und mehr als irgendein ungerichtetes Denken ist das Denken in Schuld ein Normatives, ein Klassifizierendes, ein geordnetes und Ordnung herstellendes Denken. Schuld bildet ein gültiges Regelsystem ab und stellt Kausalzusammenhängen her. Wo Schuld gedacht wird, wird eine große und gültige Ordnung der Dinge, der Welt gedacht.
Schuld ist in der Lage, Situationen dem Verstand zugänglich zu machen, wenn der eigentliche „Boden der Tatsachen“ keine Vernunft, keine Regel mehr zu zulassen scheint. Die Metaebene der „Schuld“ wird zur Gehhilfe, zur Brücke, wenn der „Boden der Tatsachen“ zerbricht. Überflutet wird. Wenn sich ein Loch vor unseren Füßen auftut, wenn alles, woran Menschen bisher geglaubt haben, plötzlich nicht mehr gilt.
Sterben und Trauern sind Lebenssituationen, in denen die betroffenen Menschen genau das empfinden, sie verlieren den Boden unter den Füßen, der Boden tut sich vor ihnen auf, sie verstehen die Welt nicht mehr, selbst Gott scheint sie vergessen zu haben.
Ich identifizierte eine wichtige Funktion, die Schuldgedanken und- gefühle haben können:
Schuld stellt in scheinbar regellosen, nicht mehr verstehbaren Situationen Erklärungszusammenhänge und gültige Ordnungssysteme her.
Der Mann, der am Sterbebett seiner Frau die Ärzte und Pflegenden beschuldigt, ringt möglicherweise mit dem Auseinanderbrechen seiner Welt, in der er mit Tüchtigkeit, Fleiß, Beharrlichkeit bisher alles erreichen konnte, was ihm wichtig war. Bis zu der Erkrankung seiner Frau. Er sucht vielleicht nicht nach Fehlern und Vergehen, sondern vielmehr nach Erklärungen und Verständnis für das Unfassbare, dass seine Frau bald sterben wird.
Wer Schuld denkt und fühlt, insbesondere, wenn dieses Schuld denken und fühlen sich gegen sich selbst richtet in Selbstbezichtigungen und starken Schuldgefühlen, leidet möglicherweise an einer anderen Unbegreiflichkeit. Schuldgefühle können auch auf ein Übermaß an erlebter Ohnmacht hinweisen. Der oder die Schuldige ist zwar „böse“, aber auch mächtig. Wer andere zum Sterben bringt, könnte sie rein theoretisch auch am Leben erhalten. Wenn die Frau, die sich schuld am Tod ihres Mannes fühlt, nur herausbekommen würde, wo ihr größter Fehler lag, könnte sie in Zukunft alles weitere Unglück und Unheil in ihrem Leben verhindern. Ihre Selbstbezichtigung, schuld am Tod ihres Mannes zu sein, wäre dann kein Hinweis auf Fehler und Versäumnisse sondern vielmehr ein Indikator für schier unendliche Gefühle von Ausgeliefertsein und Ohnmacht. Diese Vermutung wird unterstützt durch die Beobachtung, dass insbesondere Menschen, die extreme Opfererfahrungen machen – Folteropfer, mißhandelte Kinder, Vergewaltigungsopfer, Lagerinsassen – zu starken Schuldgefühlen und Selbstbezichtigungen neigen.
Ich identifizierte als zweite wichtige Funktion, die Schuldgedanken und-gefühle haben können:
Schuldgefühle und Selbstbezichtigungen sind in Situationen der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins eine verzweifelte Möglichkeit, ein Bewußtsein persönlicher Macht und Handlungsfähigkeit aufrecht zu erhalten, ohne das Autonomie und Menschenwürde nicht möglich sind.
Für Trauerprozesse ist ein weiteres Charakteristikum von Schuldgefühlen- und zuweisungen wichtig. Schuld bindet Menschen eng aneinander. Wenn Sie einen kleinen Selbstversuch unternehmen möchten, denken Sie bitte für einige Momente an einen Menschen, mit dem Sie durch Schuld verbunden sind, sei es, dieser Mensch hat Ihnen etwas angetan, sei es, Sie haben sich an diesem Menschen schuldig gemacht. Lassen Sie diesen Menschen für einen Moment vor Ihrem inneren Auge erscheinen. Überprüfen Sie – wie groß ist die emotionale Intensität diesem Menschen gegenüber, wieviel Raum nimmt dieser Mensch in Ihnen ein" Erfahrungsgemäß ist Schuld ein sehr stabiler und zeitüberdauernder Bindungsfaktor. Wenn wir mit Klass davon ausgehen, dass zwei Drittel aller Trauernden ein „Continuing Bond“, also eine fortgesetzte Bindung zu ihren Toten aufrechterhalten wollen und ohne jeden Schaden auch aufrechterhalten können, gewinnen Schuldgefühle in ihrer bindungserhaltenden Qualität eine besondere Bedeutung. Durch Selbstbezichtigungen „ich bin schuld an deinem Tod“ ebenso wie durch Schuldzuweisungen „dein Tod hat meine Leben zerstört“ kann eine starke emotionale Verbundenheit mit dem Verstorbenen aufrechterhalten werden. Eine Mutter, deren Sohn sich das Leben genommen hatte, und die noch jahrelang danach unter ihren starken Schuldgefühlen litt, antwortete auf meine Frage „Was wäre, wenn Sie keine Schuldgefühle mehr hätten“ sehr erschrocken „Dann wäre mein Sohn weg“.
Ich identifizierte als dritte wichtige Funktion, die Schuldgedanken und -gefühle haben können:
Schuldzuweisungen und Selbstbezichtigungen können beim Erleben von Einsamkeit und Getrenntheit als Bindungsfaktor benutzt werden, um emotionale Intensität und innere Verbundenheit mit einem Menschen aufrecht zu erhalten.
Ich fasse zusammen:
Meine erste Beobachtung war – Manche Menschen, die sich schuldig fühlen, wollen ihre Schuld behalten und sind unter keinen Umständen bereit. sie sich ausreden oder abnehmen zu lassen.
Diese Beobachtung wurde mir verständlich, als ich begriff, dass Schuldgefühle nicht nur auftreten können, wenn am „Boden der Tatsachen“ Regelverstöße und übertretend Gesetze, gleich welcher Art zu finden sind.
Vielmehr kann Schuld als Metaebene auch dann konstruiert werden wenn
- Erklärungszusammenhängen fehlen, Situationen als absolut unbegreiflich erlebt werden, wenn die Welt nicht mehr verstanden wird, wenn keinen Regel mehr gilt
- Einfluß und Gestaltungsmacht fehlen, Situationen als extrem überfordernd und bedrohlich erlebt werden
- Bindungen aufrechterhalten werden sollen, in denen Verbindendes wie ein gemeinsamer Alltag, gemeinsame Ziele, regelmäßiger Austausch und positive Gefühle wie Liebe, Zärtlichkeit, Fürsorge, Freude, Dankbarkeit momentan oder dauerhaft nicht zugänglich und lebbar sind
Schuld als affektiv-kognitives Phänomen kann Angehörigen von Sterbenden, Mitarbeitenden auf Palliativstationen, Sterbenden selbst und Angehörigen nach dem Tod viele schwierige Fragen und Situationen erleichtern.
Schuld kann Erklärungen geben, wo es keine mehr gibt.
Schuld kann eine, wenn auch eingebildete, Macht über Leben und Tod geben.
Schuld kann Bindungen aufrechterhalten, die durch Sterben und Tod getrennt werden.
Für all diese positiv nützlichen Funktionen des Prinzips Schuld sind unsere herkömmlichen Interventionen als Reaktion auf Schuldgefühle nutzlos. Solange Schuld positiven Nutzen erfüllt, liegt es nicht im Bedürfnis der sich-schuldig fühlenden und denkenden, diese Schuld zu verlieren, zu vergeben oder verziehen zu bekommen. Vielmehr liegt es in ihrem Interesse, das zugrundeliegende Bedürfnis zu erkennen und andere Wege zu finden, dieses Bedürfnis zu erfüllen.
Die vorliegende Beobachtungen ermöglichen uns, zu unterscheiden, in welchen Situationen Schuldgedanken und -gefühle auf tatsächliche Regelverstöße, Fehler und Versäumnisse hinweisen. Nur in diesen Fällen sind Interventionen der Realitätsprüfung nützlich. Nur in diesen Fällen kann ein Hinwirken auf Akte der Vergebung, Versöhnung, des Verzeihens und Frieden Findes mit dem falsch gemachten oder durch andere erlittenen positive Ergebnisse bringen.
In allen anderen Fällen basiert jeder Versuch, geäußerte Schuldgedanken und -gefühle zu mindern oder zu lösen auf einem Mißverständnis.
Eine erleichternde Intervention muss sich an dem zugrundeliegenden Bedürfnis orientieren, dass sich im Schulddenken und –fühlen ausdrückt.
Wenn dieses zugrundeliegende Bedürfnis eines nach Verstehen einer das Begreifen sprengenden Situation ist, dann ist das angemessene Unterstützungsangebot eines, das Erklärungszusammenhängen aufzeigt, alle verfügbaren Informationen gibt und nicht müde wird, über das wie, das was und auch das warum zu diskutieren.
Wenn das im Schulddenken und –fühlen geäußerte Bedürfnis eines nach persönlicher Autonomie und Handlungsfähigkeit ist, wird ein angemessenes Unterstützungsangebot Mitgestaltung und Wahlmöglichkeiten einräumen und auf diesem Hintergrund vielleicht ein Akzeptieren der grundsätzlichen, kreatürlichen Ohnmacht in Fragen des Lebens und Sterbens einleiten können.
Wenn dem Schulddenken und –fühlen ein Wunsch nach Verbundenheit und Kontakt zugrundeliegt, dann ist ein angemessenenes Unterstützungsangebot eins, das andere Bindungsfaktoren aufzeigt oder zugänglich macht, in denen Respekt, vielleicht auch Liebe und Dankbarkeit die Hauptrolle spielen und belastende, verletzende Anteile einer Beziehung, die auch und gerade mit der Krankheitsgeschichte und dem Sterbeprozess verbunden sein können, in den Hintergrund treten.
Damit habe ich Ihnen einige Grundzüge meiner Beobachtungen und Gedanken zum Schuldfühlen und Schulddenken im Trauerprozess dargestellt, ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!
Hülshoff, Thomas: Emotionen. 2. überarb. Auflage, München, Basel: E. Reinhardt, 2001
Paul, Chris: Trauerprozesse betrachten – vom Abschiedsdogma zur Erinnerungskultur. In: Laudert-Ruhm, G.; Oberndörfer, S.: ... und das Leben bekommt mich zurück. Stuttgart: Kreuz, 2005
Paul, Chris (Hrsg): Neue Wege in der Trauer- und Sterbebegleitung. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2001
Paul, Chris: Wie kann ich mit meiner Trauer leben". Gütersloh: GTB, 2000
dies.: Warum hast du uns das angetan". Gütersloh: GTB, 1998/2004
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Fortbildung vor Ort - ein besonderes Fortbildungskonzept
Von Chris Paul
Zuerst erschienen in Die Hospiz-Zeitschrift, 6.Jahrgang 2004, Ausgabe 22
Viele Hospize entscheiden sich heute bewußt für eine intensive Betreuung trauernder Angehöriger auch nach dem Todesfall. Trauercafes, Trauergruppen und vor allem Einzelbegleitungen für Trauernde werden in vielen Initiativen aufgebaut. Dabei ist deutlich geworden, dass in Sterbeprozessen andere Facetten von Trauer sichtbar werden als in den Trauerprozessen nach dem Tod eines nahen Menschen. Eine zusätzliche Schulung für die Begleitung trauernder Angehöriger hat sich – auch für erfahrene SterbebegleiterInnen – als sinnvoll erwiesen.
Bis vor zwei Jahren gab es für Hopizinitiativen nur zwei Möglichkeiten, ehrenamtlichen MitarbeiterInnen in Trauerbegleitung fortzubilden. Entweder sie entwickelten selbst mit großem zeitlichem und organisatorischem Aufwand einen solchen Kurs; oder sie ließen einzelne Ehrenamtliche an bewährten Kursen teilnehmen, wie z.B. dem Kurs „Trauer erwärmen“ von ALPHA und TID in Bonn. Dieser Kurs orientiert sich an beruflichen Fortbildungen, die teilnehmenden sind ca. zur Hälfte Ehrenamtliche, zur anderen Hälfte Berufstätige aus Berufen im Sozial- und Gesundheitswesen sowie der Seelsorge. Dieser „große Trauer erwärmen-Kurs“ umfasst 200 Unterrichtsstunden, die in fünf Wochenblöcken auf anderthalb bis zwei Jahre verteilt sind – für viele Ehrenamtliche ist das ein nur schwer zu erbringendes zeitliches und auch finanzielles Engagement.
Für Hospizinitiativen bedeutete das – meist hatte nur eine Mitarbeiterin eines Teams einen solchen Kurs besucht oder verschiedene MitarbeiterInnen hatten an unterschiedlichen Kursen teilgenommen; die Verständigung untereinander war erschwert, das Erarbeiten gemeinsamer Konzepte gestaltete sich oft mühsam, da die Grundvoraussetzungen so unterschiedlich waren.
Das TID machte es sich zur Aufgabe, eine bessere Lösung zu erarbeiten – der Wunsch nach einer qualifizierten Fortbildung in Trauerbegleitung sollte verbunden werden mit den Anforderungen, die die ehrenamtliche Arbeit in einer Hospizinitiative vor Ort mit sich bringt.
Mit freundlicher Unterstützung der BAG Hospiz entwickelte das TID ein neuartiges Fortbildungskonzept speziell für die ehrenamtlichen MitarbeiterInnen von Hospizen – „Trauer erwärmen als Fortbildung vor Ort“. Der neue Kurs umfasst 72 Unterrichtsstunden, die auf zwei Wochenenden und mehrere Tages- und Abendveranstaltungen verteilt sind. Der Kurs wird „vor Ort“ durchgeführt, also in den Räumen, die das Hospiz auch sonst für Praxistreffen und Fortbildungen nutzt. Zusätzliche Kosten für Unterbringung und Verpflegung und lange Anreisezeiten entfallen dadurch. (Lediglich für die beiden Wochenenden hat es sich bewährt, ein Tagungshaus zu besuchen, da die Intensität des gemeinsamen Arbeitens und Lernens dort noch stärker erlebt wird.)
Unterrichtet wird in einer über den Kurs hinaus existierenden Gruppe, die nach Abschluss des Kurses gemeinsam das Trauerbegleit-Angebot der jeweiligen Hospizgruppe durchführen wird. Die Koordinatorin der Initiative ist eng in den Kurs eingebunden, und übernimmt gegebenenfalls einige Unterrichtseinheiten. Eine Voraussetzung für die Durchführung unserer Fortbildung vor Ort ist das Bestehen einer Struktur, in der die Koordinierung, Fortbildung und die regelmäßige Supervision der ehrenamtlichen TrauerbegleiterInnen über den Kurs hinaus gewährleistet ist.
Die Lerninhalte folgen einem Curriculum des TID, das einheitlich unterrichtet wird. Innerhalb dieses Curriculums gibt es jedoch einen Spielraum, um auf die jeweiligen Besonderheiten der Hospizinitiative vor Ort einzugehen.
Dieses Curriculum ist besonders auf die ehrenamtliche Trauerbegleitung ausgerichtet. Zu den wichtige Lerninhalten zählt das Erkennen der eigenen Grenzen. Wie es in der Sterbebegleitung Fachleute für z.B. Schmerztherapie, Pflegefragen oder Ernährung gibt, können auch in der Trauerbegleitung manche Themen und Schwierigkeiten des Trauerprozesses nicht mehr von den ehrenamtlichen MitarbeiterInnen begleitet werden und sind bei spezialisierten TrauerbegleiterInnen, TherapeutInnen oder SeelsorgerInnen besser aufgehoben. Wann und warum das so ist, wird im Kurs vermittelt, die Vernetzung mit anderen Unterstützungsangeboten für Trauernde gehört zu den Anliegen des Kurses. Denn das Spektrum an Angeboten für trauernde Angehörige ist weit – manche Trauernde bevorzugen Selbsthilfegruppen, andere suchen sich Hilfe im Internet, wieder andere besuchen gern ein Trauercafe oder eine geleitete Trauergruppe, andere suchen das Einzelgespräch mit einer TrauerbegleiterIn. Ehrenamtliche Trauerbegleitung muss und kann gar nicht alle diese Angebote machen, jede/r ehrenamtliche TrauerbegleiterIn entscheidet am Ende des Kurses, ob die Mitarbeit in einem Trauercafe oder die Einzelbegleitung der Einsatzschwerpunkt sein soll. (Wer Gruppen leiten möchte, sollte zunächst bei erfahrenen GruppenleiterInnen hospitieren und sich für die Besonderheiten von Gruppenprozessen zusätzlich fortbilden.)
Vier ReferentInnen unterichten im Auftrag des TID die Kurse nach einem einheitlichen Curriculum, jeweils eine von uns ist verantwortlich für einen ganzen Kurs. Bis Ende des Jahres 2005 wird der siebte Kurs erfolgreich abgeschlossen sein, für 2006 sind bereits vier weitere geplant – die Orte reichen dabei von Duisburg über Wipperfürth bis Fulda.
Die Kurse beginnen jeweils mit einem Selbsterfahrungswochenende. Es ist wichtig, sich vor der Begleitung anderer trauernder Menschen die eigene Trauergeschichte noch einmal genau anzusehen: welche Strategien haben die einzelnen entwickelt, was haben sie als hilfreich, was als verhindernd erlebt" Wo sind eigene wunde Punkte, wo besondere Stärken in der Begegnung mit (anderen) Trauernden" Der Unterschied zwischen dem, was für die einzelne Begleiterin wichtig ist und dem, was für andere Trauernde hilfreich sein mag, wird erlebt und eine Öffnung für die unterschiedlichsten Trauerwege geschieht. Es folgen Einheiten über das, was in Trauerprozessen geschehen kann, über die Einbettung einzelner Trauerwege in Familien, Freundeskreise und Gesellschaft. Kraftquellen der Trauernden aber auch der TrauerbegleiterInnen stehen im Mittelpunkt, ebenso wie Rituale und zeichenhafte Handlungen, die einen Trauerweg begleiten können. Besondere Aufmerksamkeit widmen wir dem Thema Spiritualität in der Trauerbegleitung und den Gefühlen von Schuld und Scham vieler Trauernder. Wichtig sind die strukturellen Rahmenbedingungen, zu denen auch eine Dokumentation der Begleitung gehört. All das wird durch Vorträge und Impulsreferate vermittelt, in Kleingruppen vertieft und durch Übungen und Rollenspiele eingeübt.
Am Ende des Abschlusswochenendes steht der Abschied der TID-Referentin von der Gruppe. Vor Ort entwickeln die Gruppe der ehrenamtlichen Trauerbegleiterinnen dann mit ihrer Koordinatorin ein Konzept, wie Trauerbegleitung in der jeweiligen Hospizinitiative aussehen kann.
Nähere Informationen über den Kurs „Trauer erwärmen als Fortbildung vor Ort“ und andere Fortbildungen für TrauerbegleiterInnen bekommen Sie bei
TrauerInstitut Deutschland e.V.
Im Zentrum für Palliativmedizin
Von Hompesch Str. 1
53123 Bonn
Tel: 0228-24 28 194
www.trauerinstitut.de
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Kinder und Jugendliche als Trauernde nach einem Suizid
Auszug aus "Warum hast du uns das angetan" Ein Begleitbuch für Trauernde, wenn sich jemand das Leben genommen hat. Überarbeitete Neuauflage 2006, Güterlsoher Verlagshaus
Grundlagen
Viele Erwachsenen versuchen, Kinder vor einer Begegnung mit dem Tod überhaupt, ganz besonders aber mit der Todesursache Suizid, zu bewahren. Wenn „so etwas“ schon passiert, sollen die Kinder weitestgehend geschont werden, denken viele. Das führt dazu, dass Kinder nicht mit zur Beerdigung genommen werden, keinen Abschied vom toten Körper nehmen können, dass sie über die Art und Umstände des Todes belogen werden, oder dass der bzw. die Verstorbenen nicht mehr erwähnt wird. Diese wohlgemeinten Verhaltensweisen sind jedoch für die betroffenen Kinder eine Katastrophe. Ein Kind, dessen Vater oder große Schwester sich getötet hat, kann vor dieser Tatsache nicht bewahrt werden, das Geschehene ist ein wichtiger Bestandteil der Lebensgeschichte dieses Kindes. Die Aufgabe der erwachsenen Bezugspersonen ist nicht, diese Geschichte ungeschehen zu machen, sondern vielmehr einem Kind dabei zu helfen, mit dieser Geschichte um zu gehen.
Der Verlust von nahen Familienangehörigen, also Eltern, Geschwistern und im Haushalt lebenden Großeltern ist für Kinder jeden Alters ein einschneidendes Erlebnis, dass viele Ängste und Unsicherheiten auslöst. Erst ab der Pubertät sind Heranwachsende in der Lage, das volle Ausmaß des Begriffs tot zu erfassen, also zu verstehen, dass eine Trennung durch Tod einen anderen Charakter hat als eine Trennung durch Scheidung oder Umzug, dass Sterben endgültig und nicht umkehrbar ist. Für kleine Kinder ist dieser Unterschied noch nicht begreiflich, ihr Verständnis von räumlichen und zeitlichen Zusammenhängen ist je nach Alter und persönlicher Entwicklung unterschiedlich stark ausgeprägt. Doch unabhängig davon, ob ein junger Mensch den Begriff Tod konzeptionell erfassen kann, vermisst er den toten Vater oder die Mutter und spürt Kummer, Entsetzen und Ratlosigkeit seiner Familie ebenso wie die veränderten Lebensumstände nach dem Suizid eines Familienmitglieds. Trauernde Mütter haben mir erzählt, dass selbst Säuglinge auf ihr verändertes Verhalten reagiert haben! In der Beratung von heute erwachsenen Menschen, die als Kind ein Elternteil durch Suizid verloren haben, erzählen viele, das schlimmste für sie sei das Schweigen der Erwachsenen, das Ausgeschlossensein, und das Belogenwerden gewesen. Dem Verlust eines Elternteils durch Tod sei unmittelbar der Verlust aller anderen Erwachsenen gefolgt, die nicht mehr als zuverlässig, ehrlich und vertrauenswürdig erlebt wurden. Mein Eindruck ist, dass diese Form von Vertrauensverlust in die ganze Welt und das Gefühl eines vollständigem Alleingelassenwerdens schlimmste ist, was wir einem Kind oder Jugendlichen antun können.
Abschied nehmen
Da Kinder noch nicht in der Lage sind, Sterben an sich gedanklich zu erfassen, sind sie besonders stark auf sinnliche und direkte Begegnungen mit diesen Themenfeldern angewiesen. Wenn irgend möglich, sollte Kindern und Jugendlichen ein Abschied beim Leichnam oder zumindest am Sarg zugänglich gemacht werden. Sie sollten bei der Beerdigung dabei sein können, wenn sie möchten und gefragt werden, ob sie Wünsche für die Zeremonie haben. Das Beilegen von Erinnerungsstücken in den Sarg oder ins Grab, das Bemalen des Sargs, das Spielen von Liedern, die mit der oder dem Verstorbenen eng verbunden sind, während der Beerdigung, sind Beispiele für Aktivitäten, an denen Kinder und Jugendliche sich beteiligen können. Wichtig sind dabei drei Grundvoraussetzungen:
- Kinder und Jugendliche dürfen selbst entscheiden, was sie tun und was nicht
- Es gibt ausreichend Begleitung und Unterstützung durch Erwachsene (idealerweise nicht nur die betroffenen Eltern sondern z.B. eine gute Freundin der Familie oder den Patenonkel) oder (bei Jugendlichen) Freunde. Die betroffenen Kinder und Jugendlichen müssen also nichts allein machen – sie können es aber, wenn sie möchten
- Es gibt ausreichend Raum und Zeit, die Umgebung (z.B. das Abschiedszimmer eines Bestattungsunternehmens oder das Grab) drückt Respekt vor der Menschenwürde der Verstorbenen aus und ermöglicht gleichzeitig einen Umgang, der für Kinder und Jugendliche angemessen ist.
Ein Mensch der, sich tötet, stirbt. Dann ist er oder sie tot. Für ein Kind besteht da zunächst kein Unterschied zu anderen Todesursachen. Von Kindern können wir tatsächlich lernen, die Dinge in dieser Einfachheit und Wahrheit zu sehen.
Da Kinder die Welt sehr gegenständlich wahrnehmen, ist die Frage nach dem wie, wann und wo eines Sterbens für sie häufig sehr wichtig. An dieser Stelle fürchten sich die meisten Erwachsenen nach einem Suizid, ihrem Kind die Wahrheit zu sagen.
Darüber sprechen oder nicht"
Der Plan, einem Kind oder Jugendlichen die Todesursache Suizid zu verschweigen, hat Folgen für das gesamte Verhalten dem Kind gegenüber und für die Beziehung zu dem Kind. Das Verschweigen oder Belügen erfordern Selbstbeherrschung und taktisches Umgehen von schwierigen Themen. Es führt zu der dauerhaften Angst, irgendjemand im Umfeld könnte sich „verplappern“ oder sogar böswillig „ausplaudern“, was mit einiger Mühe geheim gehalten werden soll.
Viele Kinder oder Jugendliche wissen trotzdem, dass etwas vor ihm verheimlicht wird, und reimen sich aus Andeutungen, zufällig mit gehörten Andeutungen und Bemerkungen zusammen, worum es geht. Was dann bei ihnen zurückbleibt ist ein Grundgefühl von Belogenwerden und Nichtvertrauenkönnen. In Bezug auf die Todesursache Suizid lernen Kinder durch solch ein Verhalten der Erwachsenen, dass Suizid etwas Unausprechliches ist, das geheim gehalten werden muss. Das Tabu rund um einen Suizid wird so an Kinder und Jugendliche weitergegeben, Gefühle von Scham, Angst und Ohnmacht dem Suizid eines Familienmitglieds oder Freundes gegenüber sind die Folge.
Darüber sprechen, aber wie"
Manche Erwachsene nehmen sich vor, ihren Kindern „die Wahrheit“ zu sagen, wenn er oder sie ein gewisses Alter erreicht hat. Andere entscheiden sich, auf konkrete Nachfragen der Kinder zu warten und somit ein Kind selbst entscheiden zu lassen, wann es bereit ist, sich mit neuen und vielleicht belastenden Informationen über den Tod eines Elternteil oder Geschwisterkindes zu konfrontieren. Wieder andere wählen von Anfang an den Weg, offen über die Todesursache Suizid zu sprechen und bemühen sich, dies in einer kindgerechten Art und Weise zu tun. Jede dieser Entscheidungen hat Vorteile und Nachteile, jede Familie muss für sich abwägen, was für sie möglich ist, was die Erwachsenen und die Kinder brauchen.
Unabhängig davon, wann Sie mit Ihren Kindern sprechen, diese Voraussetzungen sollten da sein:
- Sie selbst sollten sich in der Lage fühlen, mit Ihren Kindern zu sprechen, ohne zusammen zu brechen. Ein Kind kann verstehen, wenn Sie erklären, dass Sie Zeit brauchen, um über etwas nach zu denken oder in diesem Moment noch nicht sprechen können. Machen Sie dann am besten ein klares Angebot (z.B. nach dem Abendessen; wenn die Oma gekommen ist), wann Sie mit Ihrem Kind sprechen möchten, damit es sich nicht abgeschoben fühlt, sondern weiß, dass es sich auf Sie verlassen kann. Sie können Informationen auch in kleinen Schritten geben, wenn das für Sie oder ihr Kind besser aus zu halten ist. Vereinbaren Sie dann bitte immer, wie das Gespräch wieder aufgenommen werden soll, z.B. „ich warte auf deine Frage, dann erzähle ich dir noch mehr“ oder „nächsten Sonntag bin ich bestimmt nicht mehr so müde, da können wir weiter reden“.
- Wählen Sie Begriffe und Bilder, die dem Alter Ihrer Kinder entsprechen und von Ihnen verstanden werden. Denken Sie daran, dass kleine Kinder alles wörtlich nehmen, Umschreibungen wie „weggegangen“ oder “eingeschlafen“ verwirren Kinder, sprechen sie eindeutig von „tot“.
- Denken Sie daran, dass Worte immer auch Deutungen und Wertungen tragen. Wenn Sie von „Selbstmord“ sprechen, schwingt darin eine andere Wertung mit als im Begriff „Freitod“. Entscheiden Sie sich, welchen Begriff Sie verwenden wollen (Selbsttötung, Suizid, sich umbringen, sich das Leben nehmen, freiwillig aus dem Leben scheiden, sich für den Tod entscheiden, aus dem Leben gehen …. Es gibt viele Begriffe, überlegen Sie, welche Ihnen stimmig erscheinen und welche sie von Ihren Kindern ausgesprochen hören möchten.)
- Denken Sie daran, dass Ihre Kinder erst noch lernen, über einen Suizid zu sprechen und darüber nach zu denken, ihre Einstellung und Begriffe sind noch nicht fertig ausgeformt. Entweder lernen sie es von Ihnen oder von jemand anderem. Wenn Sie mit Ihren Kindern sprechen, haben Sie die Möglichkeit, die Grundstimmung und Einstellung Ihrer Kinder zu dem verstorbenen Menschen und seiner Todesart zu beeinflussen. Wenn Sie nicht mit ihren Kindern sprechen, wird die Einstellung Ihrer Kinder zum Suizid und damit auch zu dem toten Familienmitglied ausschließlich durch andere z.B. Fernsehsendungen, Nachrichten, Zeitungsmeldungen und die Äußerungen von Bekannten geprägt.
- Denken Sie daran, dass das, was Sie sagen, für Ihre Kinder gleichzeitig ein Erklärungs- und Deutungsangebot für das Geschehene ist. Günstiger als einzelne Informationsbruchstücke sind zusammenhängende Erzählungen, z.B. „Papa war sehr krank, du hast ja in den letzten Monaten gemerkt, dass er oft im Bett lag und gar nicht mehr mit uns gelacht hat wie früher. Die Krankheit war nicht in seinem Körper, wie damals bei Opa, sondern in seinem Kopf. Er konnte nicht mehr so denken und fühlen wie früher. Deshalb war er manchmal auch so unfreundlich zu dir, dann war die Krankheit stärker als das, was er in Wirklichkeit zu dir sagen wollte. Zum Schluss war die Krankheit in ihm so stark, dass Papa in den Wald gelaufen ist und da an seiner Krankheit gestorben ist.“ Auf Nachfragen ergänzen Sie die genaueren Todesumstände, z.B. „ da hat Papa sich an einem Baum aufgehängt und ist daran gestorben.“
- Einzelheiten, die erschreckend oder verletzend sind (für die Erwachsnen oder für die Kinder, meist für beide), können Sie zu umschreiben versuchen. Z.B. müssen sie nicht alle Verletzungen aufzählen, die ein Mensch nach einem Sturz oder beim Überfahrenwerden erlitten hat. Falls ihr Kind auf ausführlichen und detailgetreuen Informationen besteht, bemühen Sie sich um eine sachliche Sprache. Behalten Sie in Erinnerung, dass Kinder nicht blutrünstig sind, sondern versuchen, die erste Aufgabe des Trauerns (vgl. Die Wirklichkeit des Todes begreifen, S. XY) unter anderem durch diese Fragen zu bewältigen.
- Versichern Sie Ihren Kindern, dass sie in keiner Form schuldig sind am Suizid von Familienangehörigen! Kinder fühlen sich schnell verantwortlich für alles, was in ihrer Umgebung passiert. Wenn ein naher Mensch stirbt, geben sie sich häufig die Schuld „Weil ich so frech war, wollte Papa nicht mehr leben“, „Manchmal war ich so sauer auf meine Schwester, dass ich gedacht habe – wäre sie doch tot, damit habe ich sie totgezaubert“, „Wenn ich meinem Bruder mehr geholfen hätte, würde er noch leben.“ Geben Sie Kindern und Jugendlichen die Gewissheit „Du bist ein Kind und trägst keine Verantwortung für das, was Erwachsene tun!“ (Vermeiden Sie Formulierungen wie „Papa hat das für uns getan, damit wir glücklich leben können“, das legt nahe, ein glückliches Leben der Familie sei nur um den Preis eines Todes zu erreichen, damit wird ein Kind nur sehr schwer ein glückliches Leben aufbauen können)
- Versichern Sie Ihren Kindern, dass das verstorbene Familienmitglied sie geliebt hat. Das ist besonders wichtig, wenn die Kinder vor dem Suizid die psychische Erkrankung eines Familienmitglieds miterlebt haben und Aggressionen, Beschimpfungen oder Gleichgültigkeit ihnen gegenüber die letzten Erinnerungen bilden.
Wie Kinder trauern
Jeder Mensch trauert auf seine eigene Weise und in einem bestimmten Tempo. Aber das Lebensalter bestimmt die Grundformen der Reaktion auf einen Verlust. Ein anschauliches Bild für die Unterschiede zwischen trauernden Erwachsenen und trauernden Kindern sagt
Erwachsene springen in ein Meer aus Trauer, schwimmen und tauchen darin unter.
Kinder springen in Pfützen aus Trauer und dann wieder hinaus, hinein, hinaus.
Kinder erleben Trauergefühle und die vielen Fragen, die mit einem Trauerprozess verbunden sind, ganz intensiv in einzelnen Momenten – und dann ist genauso intensiv ihr gelebter Alltag wieder da. So können trauernde Kinder weinend da sitzen mit Fragen und Gedanken an das tote Familienmitglied, und einige Minuten später nur noch das Fußballspiel auf dem Sportplatz gegenüber im Kopf haben.
Diese sprunghafte Art ist für Erwachsene oft anstrengend, weil sie sich so stark unterscheidet von den eigenen Stimmungen, die oft Stunden oder sogar Tage anhalten. Sie kann auch dazu führen, dass Erwachsene die Trauer von Kindern nicht ernst nehmen und glauben – wer so schnell immer wieder zum Alltag übergehen kann, ist gar nicht richtig betroffen. Das ist jedoch ein Irrtum.
Kinder haben noch keine Worte, um ihre Gefühle differenziert aus zu drücken. Sie zeigen ihre Empfindungen stärker über ihr Verhalten. Statt zu sagen „ich habe Angst, dass noch jemand stirbt“, klammern sie sich buchstäblich an die überlebenden Erwachsenen, wollen nicht allein sein, können nicht mehr allein oder im Dunkeln einschlafen. An die Stelle der Worte „ich bin so wütend“ setzen sie Schläge und Zerstörung gegen Dinge oder sogar Menschen. Viele Gefühle und Überlegungen drücken Kinder im Malen und Spielen aus. Geben Sie Ihren Kindern genug Möglichkeiten und Material, sich auf diese Art zu entlasten und dabei sich selbst und das Geschehene zu begreifen.
Auch Erwachsenen kennen Konzentrationsstörungen und Gedächtnisschwierigkeiten als Teil ihres Trauerprozesses. Für Kinder und Jugendliche, die viele Stunden des Tages mit Lernen in der und für die Schule verbringen, wird das zum Problem -
die schulischen Leistungen können abnehmen, das führt zu Veränderungen im Freundeskreis und im Selbstbewusstsein.
Der Suizid eines Familienmitglieds erschüttert für uns Erwachsene die Welt in ihren Grundfesten, um so mehr ist das Vertrauen eines Kindes in die Welt um sich herum dadurch in Frage gestellt.
Stärker als viele Erwachsene brauchen Kinder und Jugendliche ein Fortbestehen des regulären Alltags, manche wollen sofort wieder in die Schule, zum Sport, sich mit ihren Freunden treffen. Sie bestehen darauf, dass die gewohnten Zeiten für Aufstehen, Mahlzeiten, Familienaktivitäten eingehalten und die damit verbundenen Alltagsrituale weiterhin durchgeführt werden. Das ist keineswegs eine Missachtung des massiven Einschnitts, den der Suizid eines Familienmitglieds für sie bedeutet. Vielmehr schaffen sich Kinder und Jugendliche durch die Aufrechterhaltung der gewohnten Strukturen das nötige Gegengewicht zu der extremen und als bedrohlich empfundenen Verunsicherung, die der Tod ausgelöst hat. Sie brauchen – genau wie viele Erwachsene, die sich an ihren Routinen z.B. auf der Arbeit festhalten – einen Bereich, der stabil und vertraut ist, um an den vielen Veränderungen, die der Tod eines Familienmitglieds auslöst, nicht zu zerbrechen.
Manche Kinder wollen nicht mehr zur Schule oder in den Kindergarten gehen. Das kann ein Bedürfnis nach Sicherheit und Vergewisserung der Anwesenheit aller noch lebenden Familienmitglieder ausdrücken oder tiefe Trennungsängste, die durch den Tod ausgelöst wurden. Dann ist es wichtig, Kinder nicht zu zwingen, ihnen vielmehr genug Geborgenheit zu vermitteln, bis sie den Mut finden, sich der beängstigenden kleinen Trennung wieder auszusetzen. Es kann aber auch Ausdruck von Scham und Unsicherheit sein, mit dem Tod und der Todesart Suizid umzugehen. Es ist hilfreich, das Gespräch mit den Kindergärtner/innen und Lehrer/innen Ihrer Kinder zu suchen, sie zu informieren und darauf hin zu weisen, dass ihr Kind in den kommenden Wochen und Monaten vielleicht Schwierigkeiten mit dem Lernen haben wird.
Manchmal zeigen Kinder ihre Verstörung, indem sie in ein Verhalten zurückfallen, das sie eigentlich in jüngerem Alter gezeigt haben, z.B. einnässen oder nur bei Licht schlafen können. Wenn diese Verhaltensweisen sich nicht innerhalb einiger Monate wieder zurück entwickelt haben, sollten Sie sich über die Möglichkeiten einer Trauerbegleitung oder Therapie für ihr Kind informieren.
Körperliche Beschwerden wie Magenprobleme, Schlafstörungen, Kopfschmerzen zeigen Kinder genau wie Erwachsene im Trauerprozess. Wenn diese Symptome über längere Zeit anhalten, sollte die trauernden Kinder eine therapeutische Unterstützung bekommen. Das gilt auch, falls Aggressivität, Konzentrationsschwierigkeiten oder ein Rückzug von allen früheren Freunden und Aktivitäten über längere Zeit anhalten. Das sind Zeichen dafür, dass ein Kind zusätzlich zu der Unterstützung seiner Familie und Freunde Hilfe braucht, um das Geschehene zu verkraften und wieder Vertrauen in sich selbst und in die Welt zu fassen.
Wie lange trauern Kinder und Jugendliche"
Kinder, die ein Elternteil, ein Geschwisterkind, andere nahe Verwandte oder Freunde durch einen Suizid verlieren, reagieren genauso individuell wie Erwachsene. Manche drücken unmittelbar nach dem Tod intensive Gefühle aus, andere reißen sich monate- oder jahrelang zusammen, verdrängen das Geschehene und zeigen erst viel später ihre Gefühle und Reaktionen.
Für alle Kinder und Jugendlichen gilt, dass sie sich im Lauf des Heranwachsens immer wieder neu mit der verstorbenen Person und ihrem Tod auseinandersetzen. Mit jeder Alterstufe gewinnen sie ein neues Verständnis von der Bedeutung des „Totseins“, der Todesart Suizid und davon, wer der verstorbene Mensch für sie war und welche Bedeutung dieser Mensch für sie hatte und hat. Insbesondere eine Mutter oder ein Vater, die sterben, spielen in der inneren Welt des überlebenden Kindes bis ins Erwachsenenalter hinein eine wichtige Rolle. Untersuchungen haben gezeigt, dass verwaiste Kinder sich in ihrer Vorstellung mit den toten Eltern auseinander setzen und dabei je nach Alterstufe die selben Fragen, Gefühle und Loslösungsprozesse zeigen, wie sie in Bezug auf lebende Eltern geschehen. Diese immer wieder stattfindende Auseinandersetzung kann von heftigen Gefühlen und Reaktionen begleitet sein – das ist normal und natürlich. Wenn Heranwachsende sich in Abständen immer wieder mit den Verstorbenen beschäftigen heißt das nicht, dass sie bis dahin nicht richtig getrauert haben! Es heißt viel mehr, dass sie in gutem Kontakt zu sich selbst sind und genug Vertrauen zu ihrer Umwelt haben, um zu zeigen, was sie beschäftigt.
Erwachsene sollten auch nach Jahren bereit sein, die Fragen ihrer heranwachsenden Kinder zu beantworten – auch wenn es kritische sind. Erinnerungsstücke sollten aufbewahrt werden, Fotos, besondere Gegenstände, Schmuck, vielleicht ein Pullover oder ein Kleid, manchmal ist die Trauerpost eine Quelle von Anekdoten und besonderen Erinnerungen, die dem Heranwachsenden etwas darüber sagt, wie der oder die Verstorbene auf andere gewirkt hat. Manche Familien schreiben im Lauf der Zeit Erinnerungsbücher mit Geschichten, Begebenheiten, Typischem, so dass auch zukünftige Generationen einen Eindruck von der Lebendigkeit eines Gestorbenen erhalten und ihn oder sie nicht nur auf den Suizid reduzieren.
Kinder versuchen, Erwachsenen zu helfen
Erwachsenen ist meist nicht bewusst, dass Kinder und Jugendliche sich stark verantwortlich fühlen für das, was in einer Familie geschieht und versuchen, positiven Einfluss darauf zu nehmen. Ihr Augenmerk ist dabei stärker auf das Wohlergehen der anderen gerichtet, als auf das eigene. Die ältesten Geschwister rutschen nach dem Suizid des Vaters oder der Mutter oft wie von selbst in die Rolle des „Ersatz-Partners“, stehen für Gespräche zur Verfügung, kümmern sich um jüngere Geschwister und trösten den überlebenden Elternteil. Das tun sie unabhängig davon, ob sie acht oder achtzehn sind.
Um ihre Eltern und Geschwister nicht noch mehr zu belasten, als es durch den Suizid bereits geschehen ist, zeigen manche Kinder ein besonders angepasstes Verhalten, sind gut in der Schule, helfen zuhause, streiten nie und zeigen auch keine Gefühle, die die übrige Familie belasten könnten. Sie stellen ihre eigenen Trauerprozesse nach hinten, bis andere in der Familie sich so weit stabilisiert haben, dass diese Kinder ihre Trauer zeigen können. Das kann Monate oder Jahre nach dem Suizid sein, wenn niemand mehr damit rechnet, dass ausgerechnet dieses Kind „Schwierigkeiten machen“ könnte.
Eltern sollten - sobald es ihnen möglich ist - ihre Kinder wieder als Kinder behandeln und sie aus der Rolle als Ersatzpartner, Unterstützer, Tröster, Kindermädchen für die jüngeren Geschwister etc. wieder entlassen.
Trauer und Pubertät
Jugendliche sind keine Kinder mehr und noch keine Erwachsenen, sie befinden sich in einem Lebensabschnitt, der auch ohne den Suizid von Angehörigen oder Freunden durch viele Abschiede und Neuanfänge gekennzeichnet ist. Sie müssen sich selbst neu kennenlernen, sie müssen sich von ihrer Familie lösen und sich einen eigenen Platz in der Welt suchen mit eigenen Freunden, Geliebten, Aufgaben, Glaubenssätzen und Zielen. Ihre Energie ist darauf gerichtet, sich zu entwickeln und ein eigenes Leben aufzubauen. Die wichtigsten Menschen in ihrem Leben sind nicht mehr Eltern und Geschwister sondern Freunde, die Clique, erste Partner, manchmal eine Lehrerin oder ein Jugenclubleiter. Wenn ein Familienmitglied oder ein Freund sich in dieser Lebenszeit eines jungen Menschen tötet, ist verständlicherweise weiterhin der Freundeskreis das wichtigste, Gespräche über Trauer, über den Verstorbenen und über das Thema Suizid werden dort geführt, Gefühle werden dort gezeigt, Rituale mit diesen Menschen durchgeführt. Für Eltern und Geschwister von Heranwachsenden ist es oft unverständlich und verletzend, dass die jungen Leute nicht sofort in den „Schoss der Familie“ zurückkehren und sich ihrer Familie anvertrauen oder als Unterstützung für die anderen bereit stehen. Doch es ist wichtig und lebensklug, wenn sie sich weiterhin wie „normale Jugendliche“ benehmen.
Von Eltern ist viel Geduld gefordert (wie im gesamten Umgehen mit Heranwachsenden), ihren Teenager-Kindern immer wieder Angebote zu machen und sie ein zu beziehen, sie ernst zu nehmen mit ihren besonderen Bedürfnissen im Trauerprozess, und ihnen dabei ihnen Geborgenheit und Freiraum zugleich an zu bieten.
Die Pubertät ist ein instabiles Lebensalter, der Weg in eine eigenes Leben ist schwer zu finden und Eltern fürchten zur Recht die Gefahren, die in z.B. in Drogen, Alkohol und auch Suiziden liegen. Tatsächlich ist Suizid die häufigste Todesursache für junge Menschen – da die Medizin so große Fortschritte gemacht hat und junge Menschen nur noch in Ausnahmefällen an einer körperlichen Erkrankung sterben. Die Gefahr eines Nachfolgesuizids ist also real und muss berücksichtigt werden. Aber wie"
- Geben Sie ihrem Kind viel Liebe, Geborgenheit und Vertrauen, damit er oder sie die Welt als einen lebenswerten Ort erlebt und sich von dem Todeswunsch eines Familienmitglieds oder Freundes abgrenzen kann.
- Achten Sie darauf, wie Sie selbst den Suizid des Familienmitglieds oder Freundes werten, vermeiden Sie Extreme. Weder eine Idealisierung (z.B. „sie war so begabt und sensibel, für so einen Engel ist kein Platz auf dieser Welt“) noch Verteufelung (z.B. „um den ist es nicht schade, der hatte immer nur Ärger und kriminell war er auch“) entsprechen der Wahrheit. Jeder Mensch hat gute und schlechte Seiten, und wenn Ihr Kind um diesen Menschen trauert, dann sind es vor allem die von ihm als gut und bereichernd empfundenen Seiten, die vermisst werden. Gehen Sie respektvoll mit dem Andenken an den oder die Tote um, erlauben Sie Sehnsucht und positive Erinnerungen ebenso wie Zweifel, Wut und Enttäuschung.
- Vermeiden Sie Abwertungen der Unterstützung, die Ihr Sohn oder Ihre Tochter im Freundeskreis findet. Vielleicht können Sie es als Erleichterung wahrnehmen, dass ihr Kind in der Lage ist, sich altersgemäß zu verhalten und nicht sein ganzes eigenes Leben verändert, in dem es die bisherigen Freunde verlässt.
- Wenn es sich um den Suizid eines Familienmitglieds handelt, um das sie selbst trauern, suchen Sie für sich selbst Unterstützung, ermutigen Sie Ihr Kind bei Bedarf eine Trauergruppe für Jugendliche oder eine Gesprächsreihe bei einer Trauerbegleiterin oder einem Psychologen in Anspruch zu nehmen. Viele trauernde Jugendliche tauschen sich im Internet mit anderen Betroffenen aus, das ist für Sie eine altersgemäße und gute Form.
- Achten Sie darauf, dass die Erinnerung ihres Kindes sich nicht auf den Suizid konzentriert, regen Sie Erinnerungen an den lebenden Menschen an. Jugendliche (und nicht nur sie!, s. S. XY) haben meist ein großes Bedürfnis, etwas von den Verstorbenen in ihr Leben zu integrieren, die Toten sollen in irgendeiner Form weiterleben, etwas hinterlassen, nicht umsonst gelebt haben. Regen Sie an, dass diese „Hinterlassenschaften“ aus den angenehmen Erlebnissen mit den Verstorbenen und ihren positiven Eigenschaften gewählt werden. Grenzen Sie den Suizid und die psychische Erkrankung davor ab. Z.B. „Papa konnte wirklich gut Fußballspielen und dein Trainer hat gesagt, du spielst schon mindestens genauso gut wie der Papa damals in der Jugendmannschaft. Er wäre bestimmt stolz auf dich. Als er krank wurde, konnte er dir das nicht mehr sagen, aber ich weiß, dass er dich sehr lieb hatte.“
- Achten Sie auf Zeichen der akuten Suizidgefährdung, sprechen Sie offen mit ihrem Kind und suchen Sie fachliche Hilfe für sich und für Ihren Sohn bzw. Ihre Tochter bei einem örtlichen Krisendienst (Kontaktadressen in ihrer Umgebung bekommen Sie bei der Telefonseelsorge, vgl. Anhang, S. XY).
Gefahr besteht – Wenn Ihr Kind offen von Suizidplänen spricht
Wenn Ihr Kind seine Hobbys und Freunde aufgibt und sich völlig zurückzieht
Wenn Ihr Kind anfängt, Dinge zu verschenken, die ihm oder ihr bisher sehr wichtig waren (das sind „Abschiedsgeschenke“, die in Vorbereitung auf den eigenen Tod gemacht werden)
Wenn Ihr Kind Suizidgefährdet ist, finden Sie Unterstützung bei verschiedenen Stellen, z.B. einem Krisendienst, einer psychosozialen Beratungsstelle oder einem psychiatrischen Landeskrankenhaus. Informationen über das Beratungsangebot in ihrer Region bekommen Sie Tag und Nacht kostenlos bei der Telefonseelsorge, Tel: 0800 11 10 111 oder 0800 11 10 222.
Hilfe und Unterstützung 1
Die folgenden Rechte für trauernde Kinder gelten für Kinder und Jugendliche nach einem Suzid genauso wie für alle anderen trauernden Kinder:
Menschenrechte für trauernde Kinder
(zitiert aus Chris Paul, Hrsg., Neue Wege in der Trauer- und Sterbebegleitung, GTV 2001)
Dies ist geschrieben worden, nachdem wir seit der Eröffnung von Winston's Wish im Jahr 1992 mit über 1.500 trauernden Kindern und ihren Familien gesprochen haben.
Obwohl es so aussieht, als sei Hilfe für ein trauerndes Kind so etwas wie eine unlösbare Aufgabe, haben wir herausgefunden, dass es einfache und direkte Wege gibt, die für trauernde Kinder eine echte Alternative sind. Wenn wir in einer Gesellschaft leben, die den echten Wunsch hat, Kindern und jungen Menschen nach dem Tod eines Familienmitgliedes die Möglichkeit zum "Wiederaufbau" seines Lebens zu geben, dann müssen wir ihre Rechte beachten:
1
Angemessene Information
Trauernde Kinder haben das Recht, Antworten auf ihre Fragen zu bekommen und
Informationen, die ihnen erklären, was geschehen ist, warum es geschah
und was als Nächstes geschehen wird.
"Vater ist an einem Tumor gestorben, aber ich weiß nicht, was ein Tumor ist"
Alice, 6 Jahre, ihr Vater starb an Magenkrebs.
2
Beteiligt sein
Trauernde Kinder sollten gefragt werden, ob sie
an Entscheidungen, die Auswirkungen auf ihr Leben haben, beteiligt sein möchten
(z.B. Vorbereitung der Beerdigung, Erinnerung an bestimmte Jahrestage)
"Ich habe dabei geholfen, Mutters Lieblingsmusik auszusuchen, und die haben sie bei der Beerdigung gespielt.'"
Kim, 12 Jahre.
3
Beteiligung der Familie
Trauernde Kinder sollten Hilfe bekommen, die auch ihre Eltern
(bzw. ein Elternteil) mit einschließt und die Intimsphäre eines
jeden Kindes respektiert.
"Es hat mir sehr geholfen, andere Eltern zu treffen, die sich in der gleichen Situation
befanden wie ich.'"
John, dessen Frau an einem Gehirnschlag starb.
4
Zusammensein mit anderen
Trauernden Kindern tut es gut, mit anderen Kindern zusammen zu sein, die ähnliche
Erfahrungen gemacht haben.
"Am liebsten möchte ich mich manchmal hängen lassen und heulen, aber in Gegenwart meiner Klassenkameraden kann ich das nicht ... wenn ich mit den anderen Kindern zusammen bin, die dasselbe durchgemacht haben, dann fühle ich mich nicht mehr alleine."
Colin, 12 Jahre, seine Mutter ist gestorben.
5
Die Geschichte erzählen
Trauernde Kinder haben das Recht, ihre Geschichte auf ganz unterschiedliche
Weise zu erzählen und mit dieser Geschichte auch gehört, gelesen oder gesehen
zu werden von den Menschen, die für sie wichtig sind.. Zum Beispiel durch
Zeichnungen, Puppen, Briefe und Worte.
"Auf meinem Bild kann man den Wagen sehen, der meinen Vater am Kopf traf. Er fiel von seinem Fahrrad, schlug mit dem Kopf auf und starb später im Krankenhaus."
Georgina, 7 Jahre, ihr Vater starb bei einem Unfall auf der Straße.
6
Gefühle ausdrücken
Trauernde Kinder sollten sich berechtigt fühlen, alle ihre Empfindungen, die mit ihrer Trauer verbunden sind, auszudrücken: z.B Zorn, Traurigkeit, Schuld, Angst.
Sie haben das Recht auf Hilfestellung, damit sie das in angemessener Weise tun können.
"Es ist vollkommen in Ordnung, wenn du weinst, und es ist genauso OK, wenn du glücklich bist."
James, 9 Jahre, sein Vater starb an einem Herzanfall.
7
Niemand ist schuld
Trauernde Kinder brauchen Hilfe, um begreifen zu können, dass sie für einen Tod nicht verantwortlich sind und daran auch keine Schuld tragen.
"Ich verstehe jetzt, dass niemand daran schuld ist".
Chris, 12 Jahre, sein Vater hat sich das Leben genommen.
8
Alltag
Trauernde Kinder sollten die Möglichkeit haben, sich dafür zu entscheiden, Aktivitäten und Interessen fortzuführen, die ihnen bisher wichtig waren.
"Ich bin zu Brownies gegangen, nachdem Meg gestorben war. Ich wollte, dass meine Freunde es wissen."
Peter, 12 Jahre alt
9
Die Verantwortung der Schule
Trauernden Kindern tut es gut, wenn sie eine angemessene und positive
Reaktion ihrer Schule oder ihres College erfahren.
'Mein Lehrer behält die Tage, die für mich schwierig sind - wie Vatertag und Vaters Geburtstag'.
Alex, 9 Jahre alt.
10
Erinnerung
Trauernde Kinder haben das Recht, sich für den Rest ihres Lebens an einen verstorbenen Menschen zu erinnern, wenn sie das wollen. Das schließt auch Erinnerungen ein
(gute und schlimme), in denen der/die Verstorbene wieder lebendig wird. Auf diese
Weise wird dieser Mensch ein wohltuender Teil in der fortschreitenden
Lebensgeschichte des Kindes.'"ich zeige mein Erinnerungsbuch gerne Menschen, die keine Möglichkeit hatten,
meinen Vater zu kennen." Bethany, 8 Jahre, ihr Vater starb an Krebs.
Hilfe und Unterstützung 2
Kinder und Jugendliche legen meist Wert darauf, dass die Struktur ihres Alltags weitgehend unverändert bleibt – dass die Zeiten zum Aufstehen, für Mahlzeiten und das Zubettgehen beibehalten werden, dass Gewohnheiten wie die Geschichte vor dem Einschlafen, der Ausflug am Wochenende oder die abendliche Kontrolle der Hausaufgaben bestehen bleiben. Das steht in direktem Gegensatz zu den Bedürfnissen vieler Erwachsener, die sich Raum und Zeit für ihre aufgewühlten Gefühle wünschen und sich dem normalen Alltag nicht mehr gewachsen fühlen. Versuchen Sie trotzdem so viel Normalität zu schaffen, wie es Ihnen möglich ist. Beziehen Sie dabei andere Erwachsene mit ein, die nicht so stark leiden wie Sie selbst. Die Patentante, der Freund der Familie, die Nachbarin, die Großeltern – scheuen Sie sich nicht, andere um Hilfe bei der Betreuung der Kinder zu bitten. Jede Fahrt zum Sportplatz oder zur Nachhilfe, die Sie nicht selbst machen müssen, schafft Ihnen einen kleinen Freiraum und gibt Ihren Kindern gleichzeitig das beruhigende Gefühl, in einem Netzwerk aus zuverlässigen Erwachsener zu leben, die sich um ihre Belange kümmern, auch wenn ein Elternteil tot und das andere in tiefer Trauer ist, bzw. beide Eltern trauern.
Gehen Sie davon aus, dass ihre Kinder genauso verunsichert, angsterfüllt, entsetzt, traurig, wütend, sehnsuchtsvoll und ratlos sind, wie Sie selbst, dass sie das aber anders zeigen als Sie. Geben Sie Ihren Kindern so viel Geborgenheit und Rückhalt, wie es Ihnen möglich ist, beziehen Sie andere Erwachsene mit ein, die Ihren Kindern zusätzliche Sicherheit geben.
Bewahren Sie Erinnerungen an den oder die Verstorbene auf, damit Ihre Kinder im Lauf des Erwachsenwerdens in Fotos, Briefen, Erinnerungsstücke, typischen Gesten, besonderen Geschichten und den Erzählungen anderer etwas über den Vater, die Mutter, den Bruder oder die Schwester erfahren können. Lassen Sie das Leben dieser Menschen in der Erinnerung stärker sein als ihren Tod. Falls Ihre Kinder noch klein sind, bewahren Sie auch Erinnerungen an die Bestattung, vielleicht sogar Totenbilder auf, damit Ihre Kinder einmal einen Beweis haben, dass dieser Mensch wirklich gestorben ist.
Freunde, Nachbarn und Verwandte können helfen, in dem sie sich für praktische Dinge zur Verfügung stellen. Z.B. Hausaufgaben betreuen, zum Sport fahren, von der Schule abholen, Mittagsessen (mit)kochen … Versuchen Sie bitte nicht, dabei „besser“ zu sein als die Eltern oder der überlebende Elternteil. Es ist für Kinder und Jugendliche stärkend, sich in einem Netzwerk aus vertrauenswürdigen Erwachsenen zu erleben, die Aufmerksamkeit und Fürsorge anderer Erwachsener tut ihnen gut und kann lebenswichtig sein, aber ihr Hauptinteresse und ihre größte Liebe gelten stets den eigenen Eltern. Versuchen sie trotzdem nach Möglichkeit langfristig für die Kinder und Jugendlichen da zu sein, machen sie Angebote, zeigen Sie Interesse ohne sich auf zu drängen oder Druck aus zu üben. Wie alle Trauernden haben auch trauernde Kinder das Recht, Unterstützungsangebote nach ihren Bedürfnissen aus zu wählen oder ab zu lehnen.
Erziehungsberatungsstellen und Kinderpsychologen bieten Hilfe an, wenn Aggressionen, Rückzug oder Selbstschädigung das Verhalten der trauernden Kinder und Jugendlichen bestimmen.
Trauergruppen für Kinder und Jugendliche werden immer öfter angeboten, der Austausch mit anderen Kindern oder Heranwachsenden, die ebenfalls trauern, ist oft hilfreich. Die Todesursache Suizid steht dabei nicht im Vordergrund aber meist sind auch andere Suizidbetroffene in diesen Gruppen. Seminare für Jugendliche nach einem Suizid werden unter dem Titel „young survivors“ regelmäßig von AGUS e.V. angeboten.
Heranwachsende nutzen häufig auch das Internet, in geleiteten Chats können sie über ihre Gefühle und ihr verändertes Leben schreiben. Das entspricht ihrem Alter und ihren Gewohnheiten in anderen Lebensbereichen und sollte von Erwachsen nicht abgewertet werden.
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