Dazugehören
Dieses Buch ist für alle, die haupt- oder ehrenamtlich mit Menschen arbeiten.
Diese Lernkarte eignet sich für den Unterricht oder als leicht zugänglicher Leitfaden in schwierigen Siuationen.
Wir versenden Bücher, die in unserem Shop bestellt werden, handsigniert und mit einer kleinen Überraschung.


In „Dazugehören“ hat Chris Paul die WIESE-Formel entwickelt für Reaktionsmöglichkeiten auf eine verletzende, diskriminierende Erfahrung oder Beobachtung. Die Selbstwirksamkeit der betroffenen Person steht dabei im Mittelpunkt und die Nachhaltigkeit von Interventionen wird gestärkt, indem möglichst viele relevante Akteur:innen eines Systems beteiligt werden. Dazu haben wir eine Lernkarte im A5-Format entwickelt.

Dieses Buch ist für alle, die haupt- oder ehrenamtlich mit Menschen arbeiten. Es gibt eine gut verständliche Einführung in diskriminierende Strukturen und zeigt für den beruflichen Kontext wirksame Antworten auf Abwertung, Ausgrenzung und Menschenverachtung. Zahlreiche Reflexions-Übungen regen dazu an, sich mit den eigenen Erfahrungen von Beschämung und Ausgrenzung auseinanderzusetzen, aber auch die eigenen Prägungen und Rollen kritisch zu hinterfragen. Gesprächsausschnitte mit Betroffenen von Diskriminierung machen das Schmerzhafte spürbar, ohne Menschen auf ihre Diskriminierungserfahrungen zu reduzieren. Der ressourcenorientierte Blick, für den Chris Paul bekannt ist, ist auch hier auf jeder Seite spürbar. Mit diesem Buch gelingt ein tieferes Verständnis für das, was Diskriminierung ausmacht, was Abwertung und Chancenungleichheit für die Betroffenen bedeutet und wie es gelingen kann, die Menschenwürde von allen, mit denen wir arbeiten, wirklich zu berücksichtigen.
Diskriminierung und Sichtbarkeit
Ich weiß nicht, ob Sie ein Merkmal besitzen, das so sichtbar ist, dass niemand es übersehen kann? Falls nicht, stelle ich Ihnen eines von mir zu Verfügung und nutze es zur Analyse: Mein auffälligstes körperliches Merkmal ist meine Körpergröße – ich bin 1,90 Meter groß und, sobald ich aufstehe, ziehe ich Blicke auf mich. Aber – solange ich sitze, falle ich nicht besonders auf. Es gibt diesen Schutz- und Schonraum für mich und meinen hochgewachsenen Körper, wenn ich in einem Café oder einem Bus sitze, solange ich sitze, werde ich nicht angestarrt. Und – Körpergröße an sich und auch bei einer Frau wird nicht durchgehend negativ konnotiert. Ich erlebe (neben abwertenden Blicken), dass kleiner gewachsene Frauen in einem Geschäft von meinen langen Beinen schwärmen. Immer wieder sagt jemand: »Ich wollte immer so groß sein.« Von diesem Erleben aus versuche ich mir vorzustellen, wie es wäre, wenn meine Körperform kategorisch als Hinweis auf meine angenommene Dummheit, Armut, Erfolglosigkeit oder auch Kriminalität und Gewalttätigkeit gelesen würde. Und wenn sich jeder Bahnschaffner, jede Ärztin, jeder Verkäufer und jede Handwerkerin auf diese angenommenen Eigenschaften von mir beziehen könnte und, ohne mich zu kennen, in der Lage wäre, sich einzubilden, alles über mich zu wissen. Und auf dieser (angenommenen) Grundlage Entscheidungen für den Umgang mit mir zu treffen: mich abschätzig zu behandeln. Oder mir aus dem Weg zu gehen. Sich zu weigern, mir eine Dienstleistung zu erbringen, oder, wenn doch, ein besonders hohes Honorar zu fordern. Hinter meinem Rücken über mich zu reden. Jeden Fehler, der geschieht, mir zuzuschieben. Mir keine Chance zu geben. Mich zu verachten. Meine Kinder als »schlechten Umgang« für die eigenen Kinder anzusehen.
Übung: „Diskriminierung und Sichtbarkeit“
- Wie wäre so ein Leben für Sie?
- Was würde es mit Ihren Glaubenssätzen, mit Ihrer Lebensführung machen?
- Wie würden Sie Ihre Freude und Ihr Glück bewahren?
Die Fragen gelten auch für Sie, wenn das genau das Leben ist, dass Sie führen:
- Was macht das mit Ihrer Lebensführung, mit Ihrer Lebensphilosophie?
- Wie bewahren Sie Ihre Freude und Ihr Glück?
Was kann, was muss und was will ich leisten?
Welche Normen könnten verletzt werden, wenn Sie eine Pause machen? Hier ein paar Beispiele, die mir einfallen. Bitte ergänzen Sie aus Ihrem eigenen Fundus. Nehmen Sie dazu eine beobachtende Haltung sich selbst gegenüber ein. Es geht nicht darum, sich selbst abzuwerten! Diese Übung zeigt Ihnen etwas über sich selbst, das weder gut noch schlecht ist – es ist erst einmal einfach da. Die Bewertung und mögliche Aktivitäten kommen danach:
Nehmen Sie die Beobachtungsposition ein und beobachten Sie Ihre Reaktionen auf meine vorgeschlagenen und Ihre selbst formulierten Normen: Tritt irgendwo Stress auf ? Müssen Sie lachen? Fühlen Sie sich »ertappt«? Vielleicht haben Sie an der einen oder anderen Regel schon gearbeitet, sie abgemildert oder sie (was sehr schwer ist) aus Ihrem Regelkanon entfernt. Versuchen Sie zum Abschluss dieser Reflexion, eine Regel zu formulieren, die Ihr Engagement wertschätzt und stärkt und gleichzeitig Zeiten der Erholung, soweit die in Ihrer Lebenssituation möglich sind, als wichtigen Teil dieses Engagements wahrnimmt.
Übung: „Was kann, was muss und was will ich leisten?“
- Ich muss sozial aktiv sein.
- Ich muss mich engagieren.
- Ich muss die Welt retten.
- Ich muss gute Werke tun.
- Ich darf nicht faul und bequem werden.
- Ich darf nicht Teil des Establishments werden.
- Ich darf keine Freude haben, wenn andere leiden.
- Ich darf nicht egoistisch sein.
Was wäre, wenn ich jemand anderes wäre?
Nehmen Sie sich das Lied »If I Were A Boy« von Beyoncé zum Vorbild und suchen Sie sich eine geschlechtliche und sexuelle Identität aus, die Ihnen nicht entspricht. Stellen Sie sich Ihren Tagesablauf vor, Ihre Umgebung, Ihren Job, Ihre Hobbys, Ihre Beziehungen. Was würde genauso bleiben, wie es jetzt ist? Was wäre anders? Identifizieren Sie Bereiche, bei denen es nicht nur anders wäre, sondern es auch ein »Mehr und Weniger« gäbe, beispielsweise bei den Punkten Einkommen, Rechte, Entscheidungsmöglichkeiten oder Lebensqualität.
Wer bin ich? Fragebogen: individuelle Identität
- Wie würden Sie sich selbst beschreiben und was ist Ihnen an sich selbst wichtig?
- Wie sehen Situationen aus, in denen Sie sich wohl und dazugehörig fühlen?
- Sind Sie schon mal zurückgewiesen und ausgegrenzt worden? Wie sah das konkret aus?
- Auf welches Merkmal von Ihnen haben sich die Menschen bei der Ausgrenzung oder Zurückweisung bezogen?
- Wie benennen Sie selbst dieses Merkmal?
- Sind Ihre Rechte oder Möglichkeiten wegen dieses Merkmals von anderen begrenzt worden?
- Wie haben Sie sich dabei gefühlt und welchen Einfluss hatte es auf Ihre Lebensphilosophie und Ihren Lebensverlauf ?
- Sind Sie von anderen unterstützt worden und hat jemand zu Ihnen gehalten?
- Wie haben Sie sich dabei gefühlt, wenn Sie Unterstützung erfahren haben, und welchen Einfluss hatte das auf Ihre Lebensphilosophie und Ihren Lebensverlauf ?
- Hatten diese Erlebnisse Einfluss auf Ihre Berufswahl?
Diese Begriffe sind für mich persönlich wichtig – wie ist das bei Ihnen? Vielleicht können Sie eine kurze Definition formulieren:
- Diskriminierung
- Solidarität
- Gleichberechtigung
- Privileg
- Menschenwürde
Ergänzen Sie gern, was Ihnen noch wichtig ist, und ziehen Sie ein kurzes Resümee:
- Wie geht es Ihnen nach der Beantwortung meiner Fragen?